Sport : Die erste Überraschung der WM

David Odonkor ist dabei – Fabian Ernst, Kevin Kuranyi und Patrick Owomoyela fehlen

Stefan Hermanns,Robert Ide

Berlin - An diesem Montag, um kurz nach eins, wird zur Gewissheit, was ohnehin alle geahnt haben. Jürgen Klinsmann interessiert es nicht im Geringsten, was die Öffentlichkeit von ihm denkt. In der Mercedes-Niederlassung in Berlin läuft gerade der Film, mit dem der Bundestrainer den Kader für die Fußball-Weltmeisterschaft vorstellt, 23 schnelle Clips, zu jedem Spieler einer. Ganz am Ende kommt der Moment, den Klinsmann eigentlich genießen müsste wie kaum einen zuvor, weil er die Öffentlichkeit wieder einmal überrumpelt hat. Überraschungen werde es wohl keine geben, hatte es in den Tagen vor der Nominierung geheißen, doch dann gelingt dem Bundestrainer der vermutlich größte Coup seiner Amtszeit. Auf der Leinwand erscheint der Name David Odonkor, die Journalisten raunen, ihre Blicke oszilieren zwischen Klinsmann und der Leinwand. Doch der Bundestrainer schaut nicht einmal auf. Nur Joachim Löw, sein Assistent, scannt einmal das Publikum und dessen Reaktionen.

Dass es sich bei der Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und seiner sportlichen Leitung nicht um eine normale Veranstaltung handeln würde, war schon vorher klar. Fünf Mannschaftswagen der Berliner Polizei sind am Salzufer in Berlin-Tiergarten vorgefahren, ein Abgesandter des Kanzleramtes schüttelt Hände. Die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) trägt die neuen dunklen Ausgehanzüge mit den drei Weltmeistersternen auf der Brusttasche. Die Regisseure dieser Veranstaltung haben zwei Dutzend Nationalspieler aus Kunststoff auf einem kleinen Spielfeld neben dem Podium postiert: Miroslav Klose steht ganz vorn, daneben Patrick Owomoyela, Kevin Kuranyi. Lehmann hütet das Tor, Kahn wacht daneben. Davor ist sogar Sebastian Deisler zu sehen, von dem schon lange klar ist, dass er die WM wegen einer Knieverletzung verpasst. David Odonkor ist nicht dabei.

Als die sportliche Leitung des DFB sich einen Weg durch das Pulk an Fotografen und Kameras bahnt, zeigt Klinsmann lächelnd seine Zähne. Eben hat er noch „schwierige Gespräche geführt, vor denen man ein bisschen Bammel hat als Trainer“, wie er zugibt. Es waren die Gespräche mit den Spielern, die nicht dabei sein werden. „Das war ein Schock für die Spieler, so kurz vor dem Ziel doch nicht dabei zu sein“, berichtet der Trainer.

Anstatt die Namen einfach vom Blatt abzulesen, wird den hundert Journalisten ein eigens produzierter Film gezeigt. „Wir wollten mal einen neuen Weg gehen“, sagt Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff zur Show in dieser „stimmungsvolle Location“, in der die Fahnen aller WM-Teilnehmer von der Decke hängen. „Tolle Bilder“, kündigt Bierhoff an. „WM-Kader 2006“ leuchtet auf dem Bildschirm, dann werden die 23 Spieler in kleinen Sequenzen vorgestellt, unterlegt mit von Bombast getragener Musik. Patrick Owomoyela, elf Länderspiele, fehlt. Fabian Ernst, 24 Länderspiele, fehlt. Auch Fabian Ernst, Manuel Friedrich – und Kevin Kuranyi, 35 Länderspiele, der extra nach Schalke gewechselt war, um sich für die WM einzuspielen. Stattdessen also als Letzter David Odonkor, 22 Jahre jung, null Länderspiele, null Tore.

Am Morgen hat Klinsmann zum ersten Mal überhaupt mit dem Dortmunder gesprochen. „Er hat sich gefreut“, berichtete der Bundestrainer. „Er hat sich, denk ich mal, sehr gefreut.“ Für Odonkor kam die Nominierung ähnlich überraschend wie für die Öffentlichkeit. Klinsmann bestritt allerdings, dass die Entscheidung für den Dortmunder einer spontanen Eingebung entsprungen ist. „Er ist schon seit einem halben Jahr in unserem Beobachtungskreis drin“, sagte der Bundestrainer. Die Idee sollte aber auch deshalb geheim bleiben, „weil sonst von medialer Seite zu viel auf ihn losgerollt wäre“.

Nach einer Halbzeitlänge ist der erste sportliche Höhepunkt der Fußball-Weltmeisterschaft in Berlin vorbei. „Es sind noch 605 Stunden bis zum Eröffnungspiel“, sagt Pressechef Harald Stenger, beim DFB zählt offenbar niemand mehr in Tagen. Die sportliche Leitung bahnt sich derweil den Weg hinaus. Nur Bierhoff bleibt kurz stehen. Gehören Überraschungen bei Ihnen zum Programm? „Wir wollen immer dran bleiben“, antwortet Bierhoff. „Das ist kein Programm, das ist Intuition.“ Dann steigt er in den Fahrstuhl, in dem schon Klinsmann, Joachim Löw und Andreas Köpke warten. Danach geht es aufwärts davon.

Inzwischen haben die Regisseure der Veranstaltung vier Spielfiguren aus Kunststoff weggeräumt. Sie stehen nun in einer Ecke, versteckt hinter der Brandschutztür zwei: Manuel Friedrich, Fabian Ernst, Patrick Owomoyela und Kevin Kuranyi wurden beiseite gestellt. Ihre Gesichter sind zur Wand gedreht.

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