Sport : Die etwas andere Ehefrau

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Von Claus Vetter

Berlin. Als Pierre Pagé in der vergangenen Woche bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Göteborg war, kam der Trainer der Berliner Eisbären schon mal ins Grübeln. Pagé beobachtete mögliche Verstärkungen für seinen Klub, und dabei liefen ihm viele Bekannte aus Nordamerika über den Weg. Einem langjährigen Freund vertraute der Frankokanadier gar an, dass er gern wieder in der nordamerikanischen Profiliga NHL beschäftigt wäre, wo er schon zwanzig Jahre als Manager und Trainer tätig war. Dass Pagé seinen Traum von der NHL ausgerechnet dem Entdecker des Eishockeyspielers Peter John Lee anvertraute, mochte brisant anmuten, war es aber nicht. Schließlich hatte Lee als Manager der Eisbären wenige Tage zuvor in Schweden eine Unterschrift von Pagé unter einen neuen Vertrag bekommen.

Pagé ist 54 Jahre alt, wirkt in seiner agilen Art aber sehr viel jünger. Er ist ein Trainer mit Visionen, jemand, der mit erstaunlichem Durchhaltevermögen stundenlang über Eishockey philosophieren kann. „Ausgetrampelte Pfade interessieren Pierre nicht“, hat Peter John Lee beobachtet. „Der ist voller Energie, ein großer Innovator. In Nordamerika hat er im Nachwuchs manchem späteren Star in seiner Entwicklung maßgeblich geholfen. Dass Pierre immer noch von der NHL träumt, bewerte ich sogar als positiv. Es zeigt doch, dass er immer nach oben will." Insofern wähnt sich Pagé in Berlin-Hohenschönhausen beim richtigen Klub.

Das wirkt zunächst nicht gerade logisch, denn den Eisbären lief in den vergangenen Jahren der Erfolg nicht gerade hinterher. Das will Pagé ändern. „Meine Philosophie ist es, etwas zu produzieren“, sagt er. „Eine unterhaltsame und erfolgreiche Mannschaft, die einmal in der Position ist, jedes Jahr die Meisterschaft zu gewinnen.“ Was wie branchenübliches Erfolgsgeplauder anmutet, ist nicht so gemeint. Pagé ist kein Freund einfacher Fragen und Antworten. „Wenn mich jemand etwa fragt, ob ich immer gewinnen will, dann ist mir das zu dumm und ich antworte erst gar nicht." Im Frühjahr löste der Kanadier Uli Egen bei den Eisbären ab. Obwohl Pagé mit den Berlinern in die Play-off-Runde einzog, stand die Saison für ihn unter keinem guten Stern. Im März musste Pagé wegen einer seltenen Infektion im Ohr ins Krankenhaus und kämpfte für kurze Zeit sogar um sein Leben.

„Ich habe damals sehr viel gelernt“, sagt Pagé. „Vor allem, dass die alltäglichen Probleme meistens keine sind." Und doch sei es ihm nach der Genesung nie in den Sinn gekommen, seinen Job als Trainer aufzugeben. „Je länger ich im Krankenhaus war, desto mehr habe ich gemerkt, wie sehr ich das Eishockey liebe.“ Und da sind die Eisbären die richtige Adresse? „Es gibt drei wesentliche Aspekte im Eishockey, zwei davon kann ich bei den Eisbären erfüllen“, sagt Pagé. Einen nicht, den Traum von der NHL. Den zweiten schon, nämlich den Aufbau junger Spieler, etwa Boris Blank oder Thorsten Heine, ein Stürmer, der aus Crimmitschau zu den Eisbären wechselt. „Die Arbeit mit den jüngeren Spielern ist hier in Deutschland nach den jüngsten Erfolgen der Nationalmannschaft besonders interessant." Fehlt noch der dritte Aspekt: „Den habe ich vergessen. Nein, natürlich ist das große Ziel für unseren Klub die geplante Arena am Ostbahnhof. Bis dahin müssen die Eisbären ein etabliertes Markenzeichen sein.“

Die neue Halle soll in drei Jahren stehen, Pagés Vertrag läuft ein Jahr zuvor aus. „Ein Einjahresvertrag ist eine Verabredung, zwei Jahre sind eine Freundin und drei eine Ehe“, sagt der Kanadier und lacht. Natürlich hätte er lieber für drei Jahre unterschrieben, sagt Pagé. „Aber aus einer Freundin kann ja auch noch eine Ehefrau werden.“

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