Sport : Die Euphorie aufsaugen

Für die Fußball-Weltmeisterinnen hat der Alltag begonnen – mit neuen Fans und der Hoffnung auf anhaltende Popularität

Andreas Morbach

Brauweiler. Manch einer unter den Spaziergängern am Ortsrand von Brauweiler ist mächtig empört. Überall dort, wo sie sonst ungestört am Sonntagmorgen spazieren können, parken diesmal Autos, Fahrräder, Motorräder. Und all die Lenker der Gefährte stehen jenseits des kleinen Grabens an der Donatusstraße, im Abtei-Sportpark. Dort, wo der heimische Fußball-Bundesligist FFC Brauweiler Pulheim normalerweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielt. „Im letzten Jahr hatten wir hier im Schnitt 150 Zuschauer“, erzählt Schatzmeister Rainer Beckmann. Heute sind 1300 gekommen, deshalb musste auch Verstärkung ran: Ehefrau Monika sitzt an der zweiten Kasse, die extra für den Aufmarsch der Weltmeisterinnen aus Frankfurt geöffnet wurde. Denn schon eine kurze Woche nach ihrem Triumph bei der Frauen-WM im kalifornischen Carson steht für die Künzers, Lingors und Minnerts wieder der Bundesliga-Alltag auf dem Programm. Fünf Weltmeisterinnen hat der 1. FFC Frankfurt vor der Toren Brauweilers aufgeboten, die Gastgeber können immerhin die zurückgetretenen Maren Meinert und Bettina Wiegmann in Zivil sowie WM-Reservistin Sonja Fuss dagegen halten. Fuss erzielt beim 1:6 (0:4) gegen den übermächtigen Meister und Pokalsieger auch den Ehrentreffer. Doch das Ergebnis interessiert an diesem Tag ohnehin keinen. Was interessiert ist: Wie dehnt sich Nia Künzer nach dem Spiel? Wie leserlich ist das Autogramm von Birgit Prinz? Wie sieht Sandra Minnert aus?

Und die Fußballerinnen interessiert, wie sich das anfühlt, statt bei 30 bei drei Grad zu spielen. Anstelle von starken Schwedinnen überforderten Brauweilerinnen gegenüber zu stehen. Für Frankfurt und nicht für Deutschland zu spielen. „Das ist schon eine große Umstellung“, sagt Verteidigerin Sandra Minnert. Nicht nur auf dem Fußballplatz. Fast so viele Menschen wie gestern im Abtei Sportpark, nämlich 1000, waren am Freitag zum Beispiel auch bei den Minnerts dabei, als die Eltern einen Empfang für die weltmeisterliche Tochter gaben. „Der absolute Hammer“, erzählt Sandra Minnert, die wegen der Turbulenzen nach dem WM-Sieg nicht einmal trainiert hat. „Hundert Leute haben T-Shirts mit meinem Namen bestellt, andere wollten Eintrittskarten für unsere Uefa- Cup-Spiele kaufen“, sagt sie.

Bei Sandra Minnert ist die Vermarktung also Familiensache, bei Nia Künzer, die die DFB-Frauen mit ihrem Golden Goal zum ersten WM-Titel köpfte, oder Renate Lingor hält Siegfried Dietrich die Fäden fest in den Händen. Der Mann macht im Frauenfußball sozusagen alles: Er ist Manager des 1. FFC Frankfurt, Sprecher der Frauen-Bundesliga, Inhaber einer Sportmanagement-Agentur und eben persönlicher Berater deutscher Spitzenspielerinnen. 120 Presse-Anfragen für Künzer, Lingor und Steffi Jones habe er in der vergangenen Woche bei sich im Büro gesammelt, berichtet der rastlose Werbemann. Darum, vor allem aber auch um Sponsoren, will Dietrich sich in den nächsten Wochen kümmern. Und er kündigt schon einmal an: „Auch für die Mädchen wird etwas übrig blieben. Dann können sie sich mehr auf ihren Sport konzentrieren."

Diese Hoffnung haben im Moment natürlich alle, die irgendetwas mit Frauenfußball zu schaffen haben. Wobei die Weltmeisterinnen in diesen Tagen in erster Linie die Euphorie in sich aufsaugen wollen. Denn kleine Invasionen wie gestern an der Donatusstraße wird es trotz allem so schnell kaum wieder geben. „Natürlich denke ich nicht, dass diese riesige Euphorie anhält“, erklärt WM-Torschützenkönigin Prinz. „Aber vielleicht bleibt von diesen Leuten zumindest der ein oder andere hängen, und der ein oder andere Sponsor sagt: „Ja, Frauenfußball finde ich gut, das unterstütze ich.“

Immerhin: Gestern war die ARD da – für einen Vier-Minuten-Beitrag in der Sportschau, und am Mittwoch nimmt die Nationalmannschaft in Hamburg eine Ehrung von Radprofi Jan Ullrich vor. Und so können die Weltmeisterinnen daran arbeiten, dass sie wegen ihrer Leistung in der Öffentlichkeit wahrgenomen werden. Die Kolleginnen vom FSV Frankfurt haben es schwerer: Bei ihrer Suche nach einem Sponsor haben sie sich ablichten lassen – in Jeans und oben ohne.

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