Sport : Die Euphorie ist zu Ende

Joachim Frisch

Wenn man nicht gerade HSV-Fan ist und in Hamburg lebt, kann man fast beruhigt sein, dass wieder Normalität an der Elbe eingekehrt ist. Es war schon ein bisschen beängstigend, wie man einen Mann vergöttert hatte, weil elf Männer unter seiner Anweisung zwei Fußballspiele gewonnen hatten. Das dritte Spiel unter Kurt Jara hat der HSV auf eigenem Platz mit 0:1 verloren, das Jara-Fieber ist Ernüchterung gewichen.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Auf dem Platz stehen halt nach wie vor dieselben Spieler, die vor Jaras Ankunft in der Hansestadt mit plan- und ratlosem Gekicke die Fans genervt hatten. Gegen Rostock waren sie zum ersten Mal Favorit, und schon machte sich die alte Nervosität wieder breit. Bereits nach einer Viertelstunde hätten die Gäste klar führen müssen, allein dreimal tauchten sie vor dem Tor ihres früheren Kollegen Martin Pieckenhagen auf, der mit Glück und Können einen früheren Rückstand verhindern konnte. Die überraschende Überlegenheit der Gäste resultierte nicht zuletzt daraus, dass Friedhelm Funkel sich als guter Psychologe erwies. Die Kunde von der Euphorie an der Elbe über die beiden Siege unter dem neuen Coach aus Tirol war auch nach Rostock gedrungen, und Funkel machte sich das zu Nutzen: "Wir sind hier ganz bewusst offensiv angetreten, weil wir wussten, dass wir den HSV nicht ins Spiel kommen lassen durften nach den Erfolgen in den letzten Wochen", sagte Funkel. "Die strotzten ja vor Selbstbewusstsein."

Drei Minuten vor der Pause wurden die Gäste für ihren Mut zum offenen Schlagabtausch belohnt. Markus Beierle verwertete wie Ulf Kirsten in seinen besten Tagen eine scharfe Flanke von Antonio di Salvo. Seinem Trainer machte der Torschütze damit doppelt Freude, zum einen sitzt Funkel nun wieder fester im Sattel, zum anderen sind die Stimmen verstummt, die Hansas Trainer dafür kritisiert hatten, dass er Beierle nach Rostock geholt hat.

Dem in Hamburg schon als Messias gefeierten Jara waren nach der ersten Niederlage die gesunde Gesichtsfarbe, der österreichische Schmäh und ein wenig auch die Souveränität abhanden gekommen: "Es schmerzt, die erste Heimniederlage zu Hause zu kassieren", sagte er, merklich mitgenommen. Von einem Rückfall in alte Zeiten wollte er aber gegen den Abstiegskandidaten nichts hören: "Wer aber die Mannschaft in der zweiten Halbzeit gesehen hat, dem muss nicht bange sein für die nächsten Wochen. Dass es mit dem Ausgleich nicht geklappt hat, haben die Gäste allein Torwart Matthias Schober zu verdanken", sagte Jara.

In der Tat konnte sich Schober, der im vergangenen Jahr noch in HSV-Diensten stand, vor allem in der zweiten Halbzeit auszeichnen. Hansas Torwart, der in der Anfangsphase bei einem Kopfball von Marcel Maltritz und einem Schuss von Sergej Barbarez auf dem Posten war, rettete den Gästen mit einigen Glanzparaden die drei Punkte. Seine größten Taten vollbrachte Schober mit einer Fußabwehr gegen den allein durchgelaufenen Barbarez und bei einem Schuss von Roy Präger.

Tatsächlich hatte der HSV in der zweiten Hälfte enorm Druck gemacht, doch Jaras Idee von der feinen Zirkulation des Balles wurde nicht umgesetzt, die 46 169 sahen eher ein Anrennen mit der Brechstange. Zwar haben die Spieler "Emotion gezeigt", wie Jara lobte, nicht aber spielerische Klasse. So zirkulierte der Ball eher in den Reihen von di Salvo, Lantz und Emara als zwischen Töfting, Hertzsch und Hollerbach. Wille und Anweisung des Trainers nützen halt nichts, wenn die Fähigkeiten der Spieler nicht vorhanden sind. Dem HSV, da hat sich seit der Entlassung Frank Pageldorfs nichts geändert, fehlt nach wie vor ein Spielmacher.

In Hamburg ist nun wieder der Alltag eingekehrt, Jara wird in den nächsten Wochen zeigen müssen, dass er die drei Millionen wert ist, und es wird ihm nicht leicht fallen: Die nächsten Gegner heißen Bayern, Schalke, St. Pauli, Leverkusen und Dortmund.

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