Sport : Die Fäuste des Wirtschaftswunders

Thomas Zellmer

Ihr Ehemann sage immer, "die von heute" würde er nacheinander an einem Abend boxen. Sagt Sabine Scholz. Seit sieben Jahren ist sie die Ehefrau von Gustav Scholz und seit geraumer Zeit notgedrungen auch die Sprecherin des früheren Meisterboxers. Der wird heute 70 Jahre alt und feiert den Tag mit einem Dutzend eingeladener Freunde in heimischer Umgebung unweit von Waldbühne und Olympiastadion.

"Bubi" Scholz, in den 50er und 60er Jahren Hinterhofaufsteiger im neuen deutschen Wirtschaftswunderland und Synonym für das hart erarbeitete Glück des kleinen Mannes, erschoss 1984 seine Frau Helga in der gemeinsamen Villa am Rupenhorn und saß danach eine dreijährige Haftstrafe ab. Nach zwei Selbstmordversuchen, einer Reihe kleinerer Schlaganfälle, Augenoperationen und psychiatrischer Therapien leidet der frühere Mittelgewichts- und Halbschwergewichts-Europameister unter Altersdemenz. "Und keinesfalls unter Alzheimer", sagt Sabine Scholz. "Wenn ich so etwas lesen muss, dann gehe ich die Wände hoch". Seit gut einem Jahr ist eine Seniorenresidenz im Umland das Domizil ihres Mannes. "Bubi geht es besser, aber nennen Sie bloß nicht den Namen des Hauses, sonst stehen dort womöglich bald boxverrückte Berliner vor der Tür und wollen ihn besuchen".

Von der Legende Bubi Scholz, der im Porsche-Cabrio als James Dean im Westentaschenformat durch die Stadt brauste und den die Prominenz umschwirrte, ist wenig geblieben. Heute steht Günter Pfitzmann, der Berliner Schauspieler, auf der Gästeliste. 30 000 Berliner sahen 1958 im Olympiastadion, wie Scholz im Europameisterschaftskampf den Franzosen Charles Humez besiegte. Mehr als 40 000 Besucher waren es vier Jahre später an derselben Stätte beim Weltmeisterschaftskampf im Halbschwergewicht gegen den US-Amerikaner Harold Johnson. Diese Marken erinnern heute noch an die große Zeit des Bubi Scholz.

Die knappe Punktniederlage gegen Johnson hat er nie akzeptiert, und auch nie dezente Kritik an seiner mangelnden Entschlossenheit an jenem Abend des 23. Juli. Er kämpfte den Kampf später tausendmal nach (und gewann ihn immer). Der große Bubi, der gefeierte Boxer. Der linke Haken, sein Auge, seine Reflexe, die tänzerische Eleganz - hatte ihn denn je im Ring einer richtig getroffen? Als Scholz 1965 als Europameister im Halbschwergewicht seine Karriere beendete, da hatte er von seinen 96 Kämpfen nur zwei verloren - beide nach Punkten.

Vor zwei Jahren wurde die "Bubi-Scholz-Story" im Fernsehen ausgestrahlt. Mit Benno Fürmann als strahlendem Bubi und Götz George als tragischem Gustav. "Den ersten Teil fand Bubi gut, den zweiten Teil unmöglich", sagt Sabine Scholz. "Und bei der Gelegenheit fällt mir ein: Wir bekommen vom WDR noch ein Paar Kampfhandschuhe und einen Siegerkranz zurück, denn die galten beim Verkauf der Filmrechte nur als ausgeborgt."

Frau Scholz ist 27 Jahre jünger als ihr berühmter Ehemann. Sie will im "dritten Leben" ihres Mannes mehr Zeit für ihn haben. "Ich will ihn öfter nach Hause holen." Vor drei Jahren hat sie die Parfümerie in der Weddinger Brunnenstraße aufgegeben und Ende März auch den Mietvertrag für das Geschäft im Hansaviertel gekündigt. Über 40 Jahre zierte dort der Schriftzug "Bubi Scholz" die Parfümerie. Die schönen Düfte, sie waren von der Kundschaft in den letzten Jahren immer weniger gefragt.

Bubi Scholz trägt ein Amulett mit dem Bild seiner Frau um den Hals; zum Geburtstag bekommt er heute eine neue Kette dafür. "Was soll ich ihm denn schenken? Mein Puschelchen hat doch schon alles", sagt Sabine Scholz. "Von den anderen Gästen wird er Mozartkugeln und sicherlich auch eine Sachertorte bekommen, die mag er am ja liebsten."

Das schreckliche Thema Rupenhorn mit dem Schuss durch die Toilettentür, diesen gravierenden Einschnitt in das Leben zweier Menschen, hat Gustav Scholz längst verdrängt. Sagt Sabine Scholz. "Er hat nur ganz am Anfang unserer Beziehung einmal über Helga und jene Nacht gesprochen. Und damals hat er mir gesagt, dass er die ganze Geschichte bald vergessen werde, weil er kaum noch Erinnerung daran habe. Dabei muss er sich nicht verstellen, da hilft ihm die Altersdemenz."

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