Sport : Die Fans meutern schon

Wolfsburg hat 35 Millionen Euro investiert – und läuft seinen Zielen hinterher

Seltsamer Abgang. Edin Dzeko verließ grußlos das Wolfsburger Stadion. Foto: dpa Foto: dpa
Seltsamer Abgang. Edin Dzeko verließ grußlos das Wolfsburger Stadion. Foto: dpaFoto: dpa

Es zählt zu den Kennzeichen großer Trainer, dass sie einen eigenen Umgang mit der Wahrheit pflegen, sie sich die Wirklichkeit in ihrem Sinne zurechtbiegen und Unpassendes einfach ausblenden. In dieser Hinsicht bringt Steve McClaren vom VfL Wolfsburg alles mit, um ein großer Trainer zu sein. McClaren hatte am Samstag wohl vernommen, dass die Wolfsburger Fans nach dem 0:0 gegen Werder Bremen ihren Unmut kundtaten, aber er war nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass sich das Missfallen gegen ihn und seine Mannschaft richten könnte. „Ich dachte, sie buhen den Schiedsrichter aus“, sagte er. McClaren ist Engländer, und die sind für ihren besonderen Humor bekannt. McClaren aber meinte es offensichtlich ernst.

Man muss ihm zugute halten, dass er erst ein paar Monate in Wolfsburg arbeitet und daher mit den örtlichen Gepflogenheiten noch nicht ausreichend vertraut ist. Die Mannschaft des VfL unterläuft die Ansprüche des Publikums inzwischen mit einer solchen Impertinenz, dass selbst wohlmeinende Fans nur schwer die Fassung bewahren können. Diego Benaglio ist schon ein bisschen länger in Wolfsburg zu Hause als McClaren, er hat auch andere Zeiten erlebt – Zeiten, die gar nicht weit zurückliegen. Vor anderthalb Jahren haben die Wolfsburger noch die Meisterschaft gefeiert, derzeit sind sie nach fünf Spielen ohne Sieg zwischen den beiden Aufsteigern Kaiserslautern und St. Pauli auf Platz 13 gefangen. Kein Wunder, dass die Fans meutern. „Das ist verständlich“, sagte Benaglio. „Wir stehen nicht da, wo wir mit unseren Ansprüchen stehen sollten.“

Der Torhüter verhinderte sogar noch Schlimmeres. Eine Viertelstunde vor Schluss lenkte er einen Elfmeter von Torsten Frings an die Latte, und in der letzten Aktion eines lauen Spiels sicherte er dem VfL mit einer Fußabwehr gegen Aaron Hunt wenigstens einen Punkt. Die Freude über die finale Rettungstat währte nur kurz: Nahtlos gingen die Sprechchöre für den Torhüter in ein „Wir ham die Schnauze voll!“ über.

„Letztendlich habe ich nur meinen Job gemacht“, sagte Benaglio. Mit dieser Einstellung gehen auch die anderen Wolfsburger zu Werke, wobei das bei ihnen eher wie Dienst nach Vorschrift wirkt. Die Mannschaft des VfL funktioniert trotz starker Individualisten immer noch nicht als Mannschaft – vielleicht funktioniert sie auch wegen der Individualisten nicht. Der Brasilianer Diego begann zwar mit erstaunlichem Enthusiasmus, verlor nach der Pause aber zunehmend die Lust und riss auch die Kollegen mit. Werders Torhüter Tim Wiese war daher fast erschüttert, dass einige Bremer das 0:0 als Zeichen des Fortschritts verbuchen wollten. „Wieso Fortschritt?“, fragte er. „Hier musst du gewinnen. Die waren doch unterirdisch. Wenn du für 35 Millionen einkaufst und dann so spielst – unglaublich!“

Eine solche Erkenntnis provoziert natürlich Fragen nach der Arbeit des Trainers. McClaren läuft selbst seinen Zwischenzielen hinterher. Bis zur Winterpause wollte er mit drei Siegen noch auf 25 Punkte kommen. Das ist seit Samstag unmöglich. Und nun, Mister McClaren? „Werden wir versuchen, 23 zu holen.“ Das wäre nicht schlecht zur Sicherung seines Arbeitsplatzes. Der geldgebende VW- Konzern zeichnet sich zwar durch eine gewisse Großzügigkeit aus, Geduld hingegen zählt nicht zu seinen hervorstechenden Eigenschaften. Diego Benaglio bezeichnete jegliche Diskussion über den Trainer als überflüssig. „Ich arbeite sehr gern mit ihm zusammen und bin absolut von seiner Arbeit überzeugt“, sagte er. Die Situation sei schwierig, „aber wir werden uns nicht aus der Ruhe bringen lassen“.

Doch ruhiger wird es wohl nicht werden. Das lag auch an Edin Dzeko, der die Tristesse gegen Werder am eindrücklichsten verkörperte und seinem Trainer bei der Auswechslung in der 88. Minute auch noch den Handschlag verweigerte. Bis dahin hatte es der Bosnier auf genau einen Torschuss gebracht: Es war der Elfmeter, den er hoch und weit über die Latte bolzte.

Die Aufregung um Dzeko wird dem VfL wohl noch eine Weile erhalten bleiben, zumal es auf der Hand liegt, einen Zusammenhang zwischen Dzekos Lustlosigkeit und dem Interesse von Real Madrid zu konstruieren: Will da jemand seinen Abgang einleiten? Der VfL soll ein Angebot über 25 Millionen Euro abgelehnt haben. Trotzdem waren eigens sechs spanische Journalisten zum Spiel gegen Bremen angereist. Der Reporter der Sportzeitung „As“, offensichtlich Anhänger von Real, beteiligte sich sogar am Journalisten-Tippspiel, sagte ein 2:1 für den VfL voraus und notierte ungefragt auch noch die Torschützen: Dzeko, 2, und für Bremen – Klose.

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