Sport : Die Fassadenstürmer

Warum es so schwierig ist, vor Olympia 2004 alle Werbetafeln aus dem Zentrum von Athen zu verbannen

Frank Bachner

Berlin. Gestern waren sie natürlich auch wieder vor Gericht. Sie sind jeden Wochentag vor Gericht, vor irgendeinem der vielen Gerichte, die es in Athen gibt. Sie sind nur zu viert, eigentlich sind vier Rechtsanwälte zu wenig für diese Flut von Prozessen. Vor allem haben ihre Verhandlungen inzwischen auch so etwas entsetzlich Einschläferndes. Die Rechtsanwälte beten ihren Text herunter, den sie seit Monaten auswendig können, die Gegenseite antwortet ebenfalls mit Stereotypen, und die Richter haben Mühe, wach zu bleiben. Seit Monaten geht es vor wechselnden Gerichten schließlich in jedem Prozess ums immer gleiche Thema: Muss ausgerechnet diese eine großflächige Werbetafel weg? Eine der vielen, welche die Fassaden im Zentrum Athens bedecken.

„Verschandeln“, sagen die vier Rechtsanwälte. Sie vertreten schließlich die Gesellschaft für die städtebauliche Verbindung der archäologischen Stätten Athens, kurz EAXA, und die ist dafür verantwortlich, dass die Touristen 2004 bei den Olympischen Spielen im Zentrum die antiken Wurzeln Athens entspannt betrachten können. Und deshalb müssen diese Werbetafeln weg. „Sie stören das Stadtbild, und wir sorgen dafür, dass sie wegkommen, alle“, sagt Ioannis Kalandides grimmig und lehnt sich in seinem Sofa auf. Er hat in diesem Moment etwas Kampfbereites, aber das ist ihm recht so. Sein Kampf, über den er in der griechischen Botschaft in Berlin redet, ist schließlich auch eine Botschaft: Ästhetik gewinnt, auch in Athen.

Aber es ist kein leichter Sieg. Kalantidis muss gegen jede einzelne verflixte Werbetafel kämpfen. Er ist schließlich der Chef der EAXA, er ist verantwortlich dafür, dass Athens Zentrum bei Olympia nicht aussieht wie eine riesige Shopping Mall. Vier Rechtsanwälte hat seine Organisation unter Vertrag, sie sind ausschließlich mit dem Kampf gegen die Werbetafeln beschäftigt. „280 Mal waren wir 2002 vor Gericht, immer haben wir gewonnen“, sagt Kalandides.

Kurioserweise sind aber nicht mal die Firmen, die auf den Plakaten ihre Produkte anpreisen, seine großen Gegner. Vor Gericht zerren ihn ein paar Baufirmen beziehungsweise deren Tochterunternehmen, welche die Werbetafeln angebracht haben. Die haben nun Angst, dass sie kaum noch Aufträge erhalten, schließlich ist ein plakatfreies Zentrum nur der Anfang. Kalantidis will in den nächsten zehn Jahren richtig aufräumen in der Stadt. Breite Unterstützung hat er. „Journalisten, Bürger, alle stehen hinter dieser Maßnahme“, sagt er. „Die Werbeagenturen auch. Die haben doch viel bessere Möglichkeiten, Produkte anzupreisen als auf Werbetafeln.“

Nur die Baufirmen stellen sich quer, sagt Kalandides. Es gibt zwar ein Gesetz, das es der EAXA ermöglicht, sofort die Tafeln abzubauen, sobald der Prozess gewonnen ist. Aber erst muss das Urteil feststehen, und das dauert mitunter. „Noch mindestens 1500 Tafeln müssen weg“, sagt der EAXA-Chef. Eine der größten Sünden gegen die Ästhetik ist wenigstens schon Vergangenheit. Im Zentrum der Stadt stand auf einem Hochhaus, das sowieso schon ein Stockwerk höher gebaut worden war als erlaubt, noch eine riesige Werbetafel. „Da konnte man die Akropolis nicht mehr sehen“, sagt Kalandides. „Aber diese Tafel ist jetzt weg.“

Athens Bürgermeisterin Dora Bakoyanni verfolgt die Sanierung mit großer Befriedigung. Kurioserweise darf sie nicht mal gegen eine einzige Tafel selber vorgehen. Das Gesetz, das die Entfernung der Tafeln erlaubt, gilt nämlich nur für die EAXA. Und deshalb kommt ihr Kalandides entgegen. Er hat das Gebiet, das werbefrei werden soll, auf Bakoyannis Bitte, früher als geplant erweitert.

Ärger mit den Firmen, die ihre eigenen Produkte nicht mehr großflächig anpreisen dürfen, gebe es nicht, versichert Kalandides. „60 Prozent aller Werbetafeln waren sowieso illegal angebracht.“ Deshalb werde auch keines der Unternehmen entschädigt.

Ärger machen bloß die Baufirmen. Vor allem ein Unternehmer leiste hartnäckig juristischen Widerstand. Wobei der sich nicht bloß vor Gericht mit Olympia-Planern trifft, sondern, zum trauten Dialog, durchaus auch in Konferenzräumen. Der Firmenboss hat auch die olympische Ruderstrecke gebaut.

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