Sport : Die finale Erzählung

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Von Wolfram Eilenberger

Als Jugendtrainer Helmut K. heute Morgen mit schmerzendem Kopf erwachte, wie taub von den Ereignissen dieser Woche, begann er zu begreifen, dass es vorbei war. Es hätte eine Art stiller Abschluss auch seines – K. schmunzelte bei dem Gedanken an einen Biografen – Lebensentwurfes bedeutet. Aber aus all dem würde nun endgültig nichts, wie K. zu klar erkannte. Niemand würde sich in Zukunft für den Ausgang seiner Geschichte interessieren. Kein Biograf, kein Reporter, ja nicht einmal er selbst.

Mehr aus Gewohnheit denn Interesse brachte K. auf seinem Frühstückstisch Croissant Scholl sowie die beiden Schrippen Rosicky und Ricken in Position, ließ Neuville als Salzstreuer zum Dribbling ansetzen und vermochte sich, Effenberg lag ausgedrückt im Aschenbecher, bei all dem Durchspielen und Abwägen des Meisterschaftkampfes, wie er es geahnt hatte, dennoch nicht von der Begründbarkeit des Eingetretenen zu überzeugen. „Drang nach Sinn“ und „erzählerischer Zwang“, schoss es K. durch den Kopf, als er sein zweites Aspirin einwarf, vom Bedürfnis nach annehmbarer Erhellung der Ereignisse noch immer angefallen. Wären sie nicht auch gestern für den wirklichen Kenner, und K. war Kenner, auszumachen gewesen, die spielentscheidenden Situationen, die eigentlichen Wendepunkte im Endkampf um die Schale? Quälte sich K. und öffnete die Tageszeitungen, ohne seinen n darin zu vermissen. Worte wie „Fußballwahnsinn!“ und „Herzschlagfinale“ schlugen ihm entgegen. Im Schutze der Großbuchstaben war es jetzt erste Medienpflicht, mit Analysen aufzuwarten. Sich also zum Ideologen der Saison zu machen, indem man nach Abpfiff eilig Ereignisse auswählte und Verknüpfungen zwischen ihnen herstellte, die geeignet schienen, ihr Eintreten im Nachhinein zu begründen.

Auch K. hatte über Jahrzehnte der sichernden Vorstellung zugeneigt, eine Saison, gleich einem zielstrebigen Leben, sollte sich am erlösenden Ende stets als ein präsentables Ganzes, am besten als eines mit Moral, gestalten. Aber diese Vorstellung war ihm endgültig abhanden gekommen.

Das „Warum?“ hinter dem zählbaren Endergebnis, für das jetzt landesweit Antworten aufgetrieben waren, schien ihm nichts als eine sagenhafte Unverschämtheit zu sein.

Mit Widerwillen durchstreifte er deshalb all die fein erzählten Meisterschaftsartikel, die sich mit Metaphern „von einem Weg zum Titel“, der so schwer zu überschreitenden „Schwelle zum Erfolg“, der „Straße zum Ruhm“ und „einer jetzt Früchte tragenden Erneuerung“ um allgemeine Orientierung bemühten. Im Einzelfall gar die Gewissheit äußerten „dieser Spieler werde seinen Weg noch machen". K. hatte in seinem Leben zu viele Spieler beobachtet, gesichtet und sie darauf unter seinen Händen ausgebildet. Hunderte Talente – alle auf dem richtigen Weg – waren so von ihm ein Stück begleitet worden. Kaum eines war angekommen. Flüchtig, unnütz und zufällig waren sie, mögliche Meister des Morgen, gescheitert.

Eines Tages, bei einem Unentschieden in badischen Sinzheim, wurde K. am Spielfeldrand dann von der Einsicht übermannt, die Wirklichkeit seines Spiels sei tatsächlich vollends unzusammenhängend. Das jeweilige Endergebnis erkannte er zunehmend als ein Gebilde aus grundlos nebeneinander gestellten Elementen, die einzigartig waren und umso schwieriger zu fassen, als sie ständig unvorhergesehen, ungelegen und zufällig auftauchten – wie es ja auch bei diesem Saisonfinale der Fall geblieben war.

Erzählt hatte er es keinem. Nicht Mehmet S., und auch nicht Jens N.

Schließlich war K. nicht verrückt. Gefördert und angetrieben hatte er die beiden vielmehr, nötiges Vertrauen gegeben, dass sie ihren „Weg gewiss machen werden“ und ihnen, wenn es in Jugendtagen schwer war und weh tat, immer wieder das große Ziel Weltmeisterschaft 2002 vor Augen geführt, zu dem die sie es dann gemeinsam gewiss packen würden. K., Mehmet und Jens waren ein weites Stück gemeinsam gegangen, und in dieser Woche – flüchtig, unnütz und zufällig – hatte sich auch diese letzte Hoffnung des K. auf Lebenskohärenz final zerschlagen.

Nicht einmal Meister waren sie geworden. Nie wieder, dachte K., nie wieder werde ich eine Geschichte ganz erzählen. Fortan würde er ein Leben führen ohne Formulierungen wie „gleich zu Beginn“, „immer schon“, „von frühester Kindheit an“ und „wie sich bereits früh andeutete“. Ohne all die rein sprachlichen Hilfskonstruktionen also, mit denen er auch am heutigen Meistersonntag das unstillbare Sinnbegehren auf allen Seiten der Sportteile gestillt sah. Es war ein Moment, in dem K. eine fast meisterliche Befreiung spürte. So frei fühlte er sich, dass er nicht einmal mehr ganz sicher war, jemals existiert zu haben.

Nächsten Sonntag: Der Sonntagsschuss von Christoph Biermann

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