Sport : Die Flamme erlischt

Eisschnellläuferin Garbrecht-Enfeldt wollte eine Olympiamedaille. Stattdessen tritt sie jetzt ernüchtert zurück

Frank Bachner

Berlin - Monique Garbrecht-Enfeldt zog die Kufenschoner von ihren Schlittschuhen, als das Lied begann. „Dancing with tears in my eyes“, schallte durch die Eisschnelllauf-Halle in Hohenschönhausen. Es gibt dort auch eine kleine Fläche für Eiskunstläufer. Für die lief die Musik. Ein sentimentaler, etwas kitschiger Popsong. Aber Garbrecht-Enfeldt hörte nicht den Kitsch, sie hörte eine Botschaft. „Da gibt dir jemand einen Wink: Mach Schluss“, dachte sie. 90 Minuten später hatte Monique Garbrecht-Enfeldt aus Berlin, neunmalige Weltmeisterin und Olympiazweite im Eisschnelllauf, ihre Trainingseinheit beendet. Die letzte ihrer Karriere. Nur sie wusste es.

Das war am Dienstag. Am Donnerstag sitzt die 36-Jährige in einem schmucklosen Konferenzzimmer, blickt in die Gesichter von einem Dutzend Journalisten und sagt bewegt: „Ich bin froh, dass sie jetzt meinen Herzschlag nicht hören können. Ich möchte ihnen mitteilen: Ich beende meine Karriere.“ Am Abend zuvor erst hatte sie ihre Entscheidung ihrem Trainer Joachim Franke mitgeteilt. Sie zögerte es raus, weil sie bis Dienstag, zum Training, nicht hundertprozentig sicher war, dass sie aufhören würde. Dann lief das Lied. Da war sie sich sicher. Aber sie musste das erst selber verkraften. Franke habe den Rücktritt gefasst aufgenommen, sagt sie.

Er kannte schließlich ihre Selbstzweifel. Die fünfmalige Sprint-Weltmeisterin hat seit langem Probleme mit dem rechten Knie. Im Sommer wurden sie so groß, dass sie für die neue Saison nicht in Form kam. Ihren Saisonstart, den Weltcup in Salt Lake City vor zehn Tagen, beendete sie über 500 m auf den Rängen 22 und 23. Zu ernüchternd für eine Frau mit 36 Weltcupsiegen. „Ich bin zu weit weg von der Weltspitze“, sagt die 36-Jährige. Ihr Maßstab ist eine Medaillenchance bei Olympia in Turin. Diese Chance sieht sie nicht mehr. Vor fünf Wochen hatte die dreimalige Olympiasiegerin Gunda Niemann-Stirnemann das Gleiche gesagt. Und dann ihren Rücktritt verkündet.

In Salt Lake City begann Garbrecht-Enfeldt mit den Gedanken ans Karriere-Ende. Sie saß auf der Tribüne und nahm „Abschied von dieser Halle“. Sie „liebt diese Halle“ wegen der Sonne, die einfällt, wegen des schnelles Eis’ und der wohligen Atmosphäre bei Wettkämpfen. Zwischen 2002 und 2004 lebte sie monatelang in Salt Lake City. Sie wollte dort auf dem exzellenten Eis ihre Kurventechnik verbessern. Die Reisen in die USA bezahlte sie selber. „Mit Hilfe von Sponsorenverträgen geht das“, fügt sie schnell hinzu. Es klingt etwas spitz. Eine Monique Garbrecht-Enfeldt hat auch ihre PR-Verträge, das will sie damit sagen. Daimler-Chrysler sponsert sie, Mercedes stellt ihr eine Limousine.

Sie hatte ja nie diese Aufmerksamkeit wie Friesinger, Pechstein oder Niemann-Stirnemann. „Stimmt“, sagt sie, dann lächelt sie etwas boshaft. „Aber was haftet Friesinger und Pechstein anderes an als Zickenkrieg?“ Deren Selbstinszenierung hat sie nie gemocht. Natürlich hätte sie gerne mehr Aufmerksamkeit gehabt. „Aber es fehlte genug Reibungsfläche auf dem Eis. Duelle mit deutschen Rivalinnen wären spannend gewesen.“ Doch dauerhaft starke Gegnerinnen hatte sie in den letzten Jahren nicht. Also feierte Garbrecht-Enfeldt ihre Triumphe eher unbeachtet. Einer der schönsten Momente ihrer Karriere, sagt sie, war ihr erster Weltrekord. 1999 lief sie 1:14,61 Minuten über 1000 m. In der Nacht darauf konnte sie kaum schlafen. In Gedanken lief sie immer wieder das Rennen.

Jetzt wird sie sich um ihre Weiterbildung kümmern. Sie ist Werbekauffrau, sie gehört zur Unternehmens-Kommunikation von Daimler Chrysler, aber bislang war sie freigestellt fürs Training. Nun muss sie sich umstellen. Im Sommer hatte ihr Mann nach einer guten Trainingseinheit noch verkündet: „Die Flamme ist wieder angesprungen.“ Am Donnerstag sagt Monique Garbrecht-Enfeldt leise: „Jetzt die Flamme endgültig erloschen.“

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