Sport : Die Flatterwochen sind vorbei Stuttgarts Keeper Ulreich wird immer souveräner

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Es ist zumindest ein sehr volksnaher Einfall gewesen, dass sich Erwin Staudt zur Heimfahrt vom Bundesligaspiel bei Werder Bremen (1:1) in einen Großraumwaggon zweiter Klasse der Deutschen Bahn gesetzt hat. Erwartungsgemäß ist der Vereinschef des VfB Stuttgart im verspäteten ICE 635 rasch von mehr als einem Dutzend VfB-Anhänger erkannt und umringt worden. Staudt ließ sich gern auf einen volksnahen Meinungsaustausch in schwäbischer Mundart ein, und alsbald ist das Thema auf den im Weserstadion hymnenhaft gefeierten Sven Ulreich gekommen. Staudt hat dabei in Wagen 23 ein sehr nüchternes Statement zur Nummer eins abgegeben: „Er ist ein starker Junge, von dem ich von Anfang an überzeugt war.“

So wie Staudt sahen das allerdings nicht alle im Umfeld des Vereins: Ulreich, so hieß es, fehlten Aura und Ausstrahlung, dem Stammtorwart gehe Souveränität und Selbstvertrauen ab. Und als Trainer Bruno Labbadia den 22-Jährigen in der Europa League gegen Benfica Lissabon am 24. Februar auf die Bank setzte, schien der Sündenbock gefunden. Wegen der Gehirnerschütterung seines Vertreters Marc Ziegler kehrte Ulreich dann allerdings noch gegen Lissabon auf den Rasen zurück. Und wirkt seitdem wie verwandelt. „Als er draußen war, hatte er nichts mehr zu verlieren“, sagt Labbadia, „Sven hat einen riesigen Rucksack abgelegt. Wie er sich zurückgekämpft hat, ist bezeichnend für unsere erfreuliche Entwicklung.“

Und plötzlich mimt die vermeintliche Schwachstelle die strotzende Symbolfigur. „Ich wusste ja, was ich kann“, sagt Ulreich. Der Druck sei kein Problem mehr für ihn, „denn ich habe dazu eine ‚Leck-mich-am-Arsch-Einstellung‘ entwickelt“. So unverbraucht er sich nunmehr artikuliert, so unaufgeregt spielt der 1,92-Meter-Mann eben auch: Seine Leistungen in der Liga - gegen Frankfurt, Schalke, St. Pauli, Wolfsburg und nun in Bremen - waren gut bis sehr gut; Stuttgart ist vor allem seinetwegen seit fünf Partien ungeschlagen. „Wir sind an einem Super-Torhüter gescheitert“, sagte Sandro Wagner, nachdem der Werder-Stürmer auch mit dem finalen 27. Torschuss der Bremer Ulreich nicht überwinden konnte.

Vermutlich hätte Ulreich sogar den harten Schuss von Torsten Frings pariert, wenn dieser nicht von Georg Niedermeier abgefälscht worden wäre – so aber musste er das 1:1 hinnehmen. Überragend, wie Ulreich etwa einen Flatterball von Wesley abwehrte. Fußball mache ihm so viel Spaß wie nie zuvor, und überdies behauptet er: „Ich bin hinten jetzt der Chef.“

Einer, der beinahe am Rande noch Erstaunliches mitteilte. Seit fünf, sechs Jahren arbeite er mit der in seinem Wohnort Winterbach ansässigen Therapeutin Angelika Bruna zusammen, mit der er mentales Training oder koordinative Übungen macht. „Es geht auch um angewandte Kinesiologie“, erklärt Ulreich, dem dieses esoterische Therapieverfahren offensichtlich besonders hilft. Mindestens einmal die Woche gebe es eine Sitzung.

Einmal ins Plaudern gekommen, erzählt Ulreich überraschend auch von seinem Ratgeber und Vorgänger: Jens Lehmann, der gerade bei Arsenal London ins Tor zurück gekehrt ist. Sie tauschten sich häufig aus. „Seine Einschätzung ist mir sehr wichtig“, sagt Ulreich, „seine Erfahrungen helfen mir extrem.“ Es sind ja auch viele Grenzerfahrungen dabei.

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