Sport : Die flinken Tanten

Bevor die Generation der Helden abtritt, wollen die US-Fußballerinnen Gold

Andreas Morbach[Athen]

Sollte es noch Zweifel am Ehrgeiz der amerikanischen Fußballerinnen gegeben haben – spätestens mit dem Pausenpfiff im Halbfinale gegen Deutschland waren sie aus der Welt geschafft. Als hätten sie ihren Sport nicht gerade 45 Minuten lang extrem konzentriert und unter Hochdruck praktiziert, joggten die US-Spielerinnen mit dem Pausensignal locker in ihre Kabine. Zehn Minuten später waren sie auch schon wieder da. Hüpften aufgeregt wie junge Pferde in die Luft, lange bevor ihre deutschen Kolleginnen überhaupt auf den Platz zurückkehrten.

Es scheint den Wambachs, Hamms und Foudys bei diesen Spielen nicht schnell genug zu gehen, deshalb ist es gut, dass heute Abend nach dem Sieg über Deutschland das Finale gegen Brasilien ansteht. Nach 1996 können die Amerikanerinnen zum zweiten Mal Olympiasieger werden. Ganz gleich, wie es ausgeht: Mit dem Schlusspfiff endet eine große Ära im US-Sport. Mia Hamm, Joy Fawcett und Julie Foudy verabschieden sich. Brandi Chastain, auch ein Idol ihrer Disziplin, wird vielleicht folgen.

Die 91er werden sie in den USA genannt. Es sind die Frauen, die vor 13 Jahren den ersten WM-Erfolg des US-Teams schafften und in ihrer Heimat damit einen Boom ihrer Sportart auslösten, der mit der Bedeutung von Boris Beckers erstem Wimbledonsieg für das deutsche Tennis vergleichbar ist.

Kristine Lilly, Torschützin zum 1:0 gegen die deutsche Elf, ist die Fünfte, die von den Pionierinnen übrig geblieben ist. Doch am meisten bewundern all die amerikanischen Mädchen, die wegen der 91er mit dem Fußballspielen angefangen haben, Mia Hamm: die erfolgreichste Goalgetterin ihrer Branche weltweit, die Frau, von der selbst ihre aktuelle Sturmpartnerin Heather O’Reilly noch immer ein Poster im Zimmer hängen hat.

1996 in Atlanta stand O’Reilly noch aufgeregt auf der Tribüne. „Ich habe mir die Seele aus dem Leib geschrieen für Mia“, erzählt die 19-Jährige aus East Brunswick in New Jersey heute. Vor drei Tagen schoss O’Reilly ihr Team auf Kreta ins olympische Finale. Und drei Stunden zuvor hatte sie bei der Teamsitzung die Worte ihrer Trainerin April Heinrichs gehört, die von der jungen Garde forderte, dieses Gold für die versammelten Altstars zu holen. „Das hätte sie gar nicht sagen müssen“, findet Heather O’Reilly. „Die Sache geht ohnehin die ganze Zeit in unseren Köpfen herum.“ Mia Hamm ist die mit Abstand bekannteste unter den ausscheidenden Stars, berühmter sind unter den US-Sportlerinnen nur die Williams-Schwestern und die Eiskunstläuferin Michelle Kwan. Hamm, die ruhige, attraktive Frau des Baseballstar Nomar Garciaparra, ist die Volksheldin fürs Gemüt, die Kollegin Julie Foudy die fürs Herz. Und erhöht hat die 33-jährige Mittelfeldspielerin ihr Ansehen noch durch ihren spektakulären Erfolg über Präsident George W. Bush.

Die US-Regierung wollte 2003 ein Gesetz aus dem Jahr 1972 aufweichen, nach dem sich Universitäten darum bemühen müssen, Frauen die gleichen Chancen auf staatlich geförderte Stipendien zu ermöglichen wie Männern. Foudy war eine der Wortführerinnen in der 15-köpfigen Kommission, die gegen die geplante Abschwächung des „Title IX“ aufbegehrte. Am Ende blieb das Gesetz unangetastet. Spielerinnen wie O’Reilly oder Stürmerin Abby Wambach hätten ohne dieses durch Title IX ermöglichte Stipendium nie den Weg ins US-Team gefunden.

Mia Hamm scheint der Rummel um die Altstars nun aber doch ein wenig zu groß geworden zu sein. Also sagt sie etwas Nettes über die junge Kollegin O’Reilly. „Ihr Einsatz ist einfach wunderbar“, lächelt die 32-Jährige, „denn Heathers Liebe zum Fußball inspiriert uns alte Tanten doch noch ganz gewaltig.“

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