Sport : Die Formel 1 im Grenzbereich

Bernie Ecclestone installiert immer mehr Rennen in aller Welt – in den Teams regt sich nun Widerstand

Karin Sturm[Yeongam]
Wohin des Weges? Sebastian Vettel raste am Samstag am schnellsten über die neue Piste von Yeongam. Foto: dpa
Wohin des Weges? Sebastian Vettel raste am Samstag am schnellsten über die neue Piste von Yeongam. Foto: dpaFoto: dpa

Sebastian Vettel war der schnellste Entdecker. Auf der Formel-1-Strecke von Yeongam hatte der Red-Bull-Pilot in allerletzter Sekunde die Poleposition erobert. Er wird nun am Sonntag (8 Uhr MESZ/RTL und Sky) vor seinem Teamkollegen Mark Webber und dem Ferrari-Fahrer Fernando Alonso ins Rennen starten und hat gute Chancen, die Siegerliste des Großen Preises von Südkorea zu eröffnen. Der Kurs von Yeongam ist nämlich zum ersten Mal im Grand-Prix-Kalender.

Derzeit kommt fast jedes Jahr eine neue Strecke dazu. In diesem Jahr ist es Südkorea, im nächsten Indien, 2012 dann angeblich Austin in den USA, 2014 ein Grand Prix von Russland in Sotschi. Die Saison wird immer länger verteilt sich inzwischen über die ganze Welt. Und so langsam scheint auch die schnellste Sportart der Welt mit dem Expansionsdrang ihres Chefs Bernie Ecclestone nicht mehr mithalten zu können.

19 Rennen werden es in diesem Jahr sein, 20 im kommenden. Das scheint die Schmerzgrenze zu sein, da sind sich die Teams ausnahmsweise einmal einig. „Wenn wir zu viele Rennen bekommen, dann verliert jedes einzelne zu sehr an Bedeutung“, sagt McLaren-Chef Martin Whitmarsh, gleichzeitig auch Chef der Teamvereinigung Fota. „Dann würden sich die Leute nur noch für das Ergebnis der WM interessieren – aber nicht mehr für das einzelner Rennen. Einen Grand Prix zu gewinnen, das muss aber immer noch einen hohen Stellenwert haben.“

Die meisten Fahrer verteidigen pflichtschuldig die Expansion ihres Sports, „schließlich ist das eine Weltmeisterschaft und neue Strecken sind doch immer interessant“, wie auch Michael Schumacher jetzt wieder verkündete. Aber viele Mitarbeiter der Teams machen sich Gedanken. Im nächsten Jahr beginnt die Saison Mitte März in Bahrain und schließt Ende November in Brasilien. Für Mechaniker oder auch Leute aus dem PR- und Marketing-Bereich ist es fast unmöglich geworden, neben dem Job noch ein halbwegs normales Leben zu führen. „Wenn die Saison so lang ist, dann muss man zumindest überlegen, an vielen Positionen mit Springern zu arbeiten, so dass man Leute wenigstens ab und zu austauschen kann“, sagt Heike Hientzsch, bei Sauber für die Pressearbeit zuständig. „Aber das kostet erstens Geld und zweitens muss man dann immer einen gewissen Qualitätsverlust einkalkulieren.“

Auch Christian Horner glaubt: „Noch viel mehr Rennen kann man in ein Jahr nicht hineinquetschen.“ Es sei nicht schlecht, ein paar Optionen an Strecken zu haben, sagt der Red-Bull-Teamchef. „Aber wir müssen auf die Logistik achten, genauso wie darauf, was wir unseren Leuten zumuten können.“

Um dennoch expandieren zu können, betreibt Bernie Ecclestone die Verlagerung der Formel 1 weg aus Europa, weg vom klassischen Zielpublikum. So drohte er mal wieder dem Rennen in Spa mit der Streichung, „wenn die belgische Regierung nicht endlich mehr Geld gibt“. Dabei machen gerade diese Klassiker, zu denen auch Silverstone und Monza zählen, immer noch die Faszination der Formel 1 aus – gerade wegen der unglaublichen Begeisterung auf den Tribünen.

Zudem stellt sich langsam die Frage, ob die Erschließung neuer Märkte und Zuschauerschichten so einfach funktioniert. In China oder den arabischen Ländern mögen sich neue Käufer von Ferrari- oder Mercedes-Spitzenmodellen finden. Die meisten Teams jedoch müssen wegen ihrer Sponsoren eher die breite Masse ansprechen. Und selbst Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali warnte nun vor der Streichung weiterer Europa-Rennen und mahnte ein „Gleichgewicht“ an.

Bisher gelang es in keinem der neuen Grand-Prix-Standorte, eine wirklich große Begeisterung aufzubauen. Istanbul zum Beispiel kämpft mit extremen Zuschauerproblemen, obwohl die Strecke erst seit fünf Jahren im Programm ist. Auch in China, Malaysia oder in Bahrain leben die Rennen mehr von ausländischen denn von einheimischen Besuchern. Bernie Ecclestone ficht das vorerst nicht an. Er deutet weiter ostwärts, nach Asien: „Da liegt die Zukunft der Formel 1.“

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