Sport : Die Formel 1 - nur noch Zirkus? (Meinung)

In der Via Dino Ferrari in Maranello wehen die Fahnen nicht auf Halbmast, aber das "cavallino rampante" hat an Stolz verloren. Das sich aufbäumende Pferd, Symbol für Ferrari, steht am Pranger. Zehn Millimeter haben einen Skandal ausgelöst, der die Königsklasse des Motorsports erneut in Verruf gebracht hat. Im Milliarden-Unternehmen Formel 1, bei dem TV-Quoten, Sponsoren und Weltmärkte das Handeln bestimmen, stehen die Zeichen nun auf Sturm. Über allem schwebt eine Frage: Ist alles nur noch Zirkus? Darauf wird der Weltverband Fia am Freitag in Paris anworten müssen, wenn er sich zwischen der Einhaltung seiner Regeln und der Akzeptanz von Ferrari-Machenschaften zu entscheiden hat.

Dort wird man sehen, wie groß der Einfluss des allmächtigen Formel-1-Bosses Bernie Ecclestone ist, dem in ähnlichen Situationen noch "Grauzonen" im Regelwerk den Einfluss auf Fia-Entscheidungen ermöglichten. Im konkreten Fall, bei dem der kleine Brite erneut den spannenden Saison-Showdown am 31. Oktober in Suzuka im Sinn haben dürfte, würde die Fia damit jedoch ihr Gesicht verlieren. Die nachträgliche Anerkennung der Punkte für die in Malaysia disqualifizierten Michael Schumacher und Eddie Irvine, nur den Abzug der Zähler für ihr Ferrari-Team - wie in einem ähnlichen Fall zuvor - kann es diesmal nicht geben. Und damit kein salomonisches Urteil. Nur Ecclestone wäre es vermutlich egal, wenn das WM-Finale nach einem derart miesen Vorspiel zu einer Farce verkommen würde.

Wer in Sepang erlebte, wie widerspruchslos und keineswegs überrascht die Ferrari-Vertreter das vorläufige Aus hinnahmen, dem kam Manipulation in den Sinn. "Wenn Jean Todt gehen muss, dann gehe auch ich und ein anderer", hatte Michael Schumacher die italienischen Medien in Bezug auf den Ferrari-Teamchef und den Technischen Direktor Ross Brawn gewarnt. Ein Zusammenhang zwischen dieser Aussage und dem Geschehen von Sepang drängt sich auf. Motto: alles für Schumacher, nichts für Irvine!

Die Betrogenen sind die Fans, die weltweit von einem Super-Rennen schwärmen durften. Doch auch einem Weltmeister Mika Häkkinen ist derzeit bei McLaren-Mercedes nicht zum Feiern zumute. Sicherlich auch deshalb, weil ein abseits der Rennstrecke gekürter Weltmeister sich nicht so gut vermarkten lässt, wie es mit einem Champion nach dem letzten Rennen in Japan möglich wäre. Bis zum Freitag bleibt das einzig Gewisse die Ungewissheit.

Was feststeht? Am 12. März 2000 beginnt mit dem Grand Prix von Australien die neue Saison. Die Vorgänge in Sepang werden dann nur noch einer von vielen Skandalen in der langen Formel-1-Historie sein. heit

Autor: r_t_cummings@compuserve.com

Die Uni: Hassenswertes und Liebenswertes.

Die Universität ist nicht mehr alle Welt. Nur selten kommt es zu heißblütigen Liebeserklärungen. Die Uni ist ja auch nicht mehr jungfräulich, neugierig und unbescholten, sondern die Alma Mater ist heute eine gestandene Maitresse, "mit viel Holz vor der Hütten" (oder Stahlbeton) und allerlei wechselnder Kundschaft, den Studentenmassen, abgesehen von den Professoren und Professorinnen, die ihr gern treu bleiben. Es zahlt sich ja gut aus. Mit der Uni läßt sich gut leben, wenn man einmal Zugang zu einem ihrer Kämmerchen gefunden und gut eingerichtet ist. Hat man hohe Erwartungen, ist die Enttäuschung umso größer. Zur bitteren Enttäuschung gesellen sich Haßgefühle. Zur Uni kann man kein gleichgültiges Verhältnis haben, denn in ihr dreht sich alles ums Wissen - und Wissen ist Macht. Mit Objektivität und jungfräulicher Wahrheit hat die Uni nicht allzuviel im Sinn. Allerlei Obsessionen und Machtgelüste machen sie zum Jahrmarkt der Eitelkeiten. Und so hat man keine Wahl: Entweder man haßt die Uni, liebt sie oder tut beides zugleich. Wissenschaftliche Betätigung heißt nichts anderes, als dass man an ihrer Brust liegen und sein Herz ausschütten will - doch nicht jeden läßt die Uni an sich heran. Tut sie es doch, dann stößt deine Liebe objektiv auf Gegenliebe. Prüfungen zeigen, was es mit der Wissenschaftlichkeit der Universität auf sich hat. Not macht erfinderisch, und so stilisiert sich jeder Prüfling zu David, der gegen Goliath, den prüfenden Professor, in den Kampf zieht. Doch weder herrscht Waffengleichheit, noch kommt es überhaupt zu einem Kampf. Der Prüfer will ja keine Diskussion, sondern die Nummer nur von der Liste streichen. So verkommt eine Prüfung zum reinsten verächtlichen Glücksspiel. In wenigen Minuten sind ein Shakespeare, ein Goethe und Rilke auf irgendwelche Sinnfetzen und Fakten hin zu sezieren - und sowohl Prüfer als auch Prüfling haben dabei natürlich nichts anderes als Objektivität im Auge. Trifft der Prüfling ins Schwarze, erwärmt sich das Herz des Professors. Die Sucht nach Objektivität ist nichts anderes als die Liebe fürs Wahre. Kommt der Prüfling auf Abwege, fühlt der Prüfer sich höchstpersönlich auf den Fuß getreten. Das Falsche ist hassenswert. Und so obsiegt am Ende des Studiums die pure Emotion: Verachtung, wenn Goliath triumphierte, oder Hochachtung vor der Uni, wenn Goliath und David sich im Bruderkuß vereinten. Doch bereits während des Studiums zetert man genüßlich, denn in der Uni, dem chaotischen Eingeweide aus Gängen, Sälen und Warteschlangen davor, verkommt jeder zum gehässigen Nörgler. Studenten nagen an den Brocken, die die Professorenschaft ihnen zuwirft. Einem Professor ergeht es nicht anders, selbst wenn er es nicht zugibt. Das Gebot wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit verlangt von ihm, zumeist nach den Zutaten zu greifen, die die Lektüre, Kollegen und Konkurrenten ihm reichen. Die Uni ist ein Wissen wiederkäuendes Ungetüm ohne besonderes Ziel als das der Wiederholung und Verwaltung von Wissen, der Produktion von Absolventen am anderen Ende. Die ständigen akademischen Hahnenkämpfe hingegen sind völlig ziellos, wenn auch voller Sinn. Gelegentlich, natürlich, wächst die Uni an einigen ihrer Flanken über sich hinaus und hat neuartige Erkenntnisse, nach denen tatsächlich ein paar außer-universitäre Hähne krähen. Die Uni ist eine garstige Behörde, die jeden zum Bittsteller und Störenfried erniedrigt und auf die Jagd schickt nach Immatrikulationsbescheinigungen, Prüfungsterminen, Sprechstunden, Gutachten, Stipendien, Fördermitteln. Die Vorstellung der Uni als Dorf und idyllisch gelegene Abtei ist so gefühlsduselig wie der Wunsch des Studenten, auf Du mit den Professoren zu sein. Hassenswert sind nicht die Akademiker, welche zu der komplett weltfremden Art gehören wie die Geisteswissenschaftler. Der berühmte, wirklich schusselige, ansonsten aber brillante Dozent mit Toupet ist und bleibt ein seltenes Ereignis, auch wenn Amor nicht gleich mit seinen Pfeilen schießt. Verachtenswert und erbärmlich ist die nörgelnde Professorin, für die Studenten wie Kinder im Hinterhof sind. Nett anzusehen sind sie, aber bald geht das Gekreisch und Gejaule ihr auf die Nerven. Liebenswerte Züge gewinnt die Uni erst, wenn man merkt, wie wunderbar es ist, sich beispielsweise von Walther von der Vogelweides Liedern und Trällereien umgarnen zu lassen, während tausende Mitbürger als postmoderne Bürosklaven malochen. Wundersam ist es und der pure Luxus, den man auskosten muss, bevor andere Zeiten anbrechen. Die Uni ist genau da ein Liebesnest, wo das Studium zum Selbstzweck gerinnt und man allem Haschen nach Wind noch einen Sinn abgewinnen kann.

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