Sport : Die Fouls der Funktionäre Nur mit absoluter Mehrheit

Hamburg und Düsseldorf bekämpften sich mit allen Mitteln – und könnten am Ende als Verlierer dastehen 73 Stimmberechtigte wählen den deutschen Olympia-Bewerber

Robert Ide

Berlin. In einem Punkt waren sich Edmund Stoiber und Gerhard Schröder im Wahlkampf einig: Beide wollten Olympia 2012 in Leipzig. „Leipzig ist auch im internationalen Maßstab sportpolitisch und politisch angesehen“, sagte der Bundeskanzler im Mai 2002. Ein paar Tage später, so erzählen sich hochrangige Sportpolitiker gern, sei Wolfgang Clement, damals noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, zu Schröder gegangen und habe gesagt: „Vielleicht solltest Du von dieser vorschnellen Festlegung Abstand nehmen." Seitdem sagt der Kanzler nichts mehr zu Olympia. Nur Edmund Stoiber, der die Wahl um die Macht verloren hat, fühlt sich noch so frei zu erklären: „Die Bayern stehen bei der Bewerbung hinter den Sachsen." Von Einigkeit kann aber im Rennen der fünf deutschen Städte um Olympia 2012 nicht die Rede sein. Besonders bizarr entbrannte der Zweikampf zwischen Hamburg und Düsseldorf. Beide Städte setzten alle politischen Mittel ein – und das entwickelte sich, sagt Sportfunktionärin Ute Villwock, „zu einem furchtbaren Nervenkrieg". Gegenseitige Beschimpfungen, versteckte Gerüchte und offene Drohungen bestimmten das Duell. Nach Informationen des Tagesspiegel wurde wegen des Streits sogar ein Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion entlassen.

Wann die Hakeleien genau begannen, weiß keiner mehr so recht. Hamburgs Olympiabeauftragter Henning Voscherau klagte bereits zu Jahresbeginn, die Konkurrenz baue „politische Türmchen". Jeder Bundestagsabgeordnete, jeder Funktionär sei ein Stein. „Am Ende wird ein Strich unter die Türme gemacht und durchgezählt." Wer den größten Turm hat, glaubten Voscheraus Mitarbeiter zu wissen: Nordrhein-Westfalen natürlich, das große, politisch und wirtschaftlich mächtige Land. Wolfgang Clement war zu dieser Zeit schon Superminister für Wirtschaft und Arbeit. „Wie sollen wir gegen den ankommen?", fragten sie sich in Hamburg.

Anfangs stichelten die Konkurrenten. Im Norden machten die Medien Politik, das „Hamburger Abendblatt“ veröffentlichte eine Umfrage unter Spitzensportlern. Das Ergebnis: Der Sport ist für Hamburg. Das Problem: Die Befragten waren vorrangig Norddeutsche. In Düsseldorf erschien eine Studie über die Chancen der deutschen Städte. Gewinner: Düsseldorf, Auftraggeber: das Land Nordrhein-Westfalen. Im Präsidium des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) wurde gefragt: „Was soll dieser Blödsinn?“

Vor einem Monat stand Ulrich Feldhoff, der Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes bei einem Empfang in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung und sagte: „Ich hoffe auf ein faires Rennen.“ Die Umstehenden lachten. Feldhoff ist bekannt als einer, der sich für Düsseldorf stark macht. 20 der 32 Verbände soll er schon zu einem Votum für Düsseldorf gebracht haben, stand in einer Zeitung. Feldhoff schrieb einen Brief an den Chefredakteur. „Ich wehre mich mit Entschiedenheit gegen diese Unterstellung", hieß es darin. Mit der „Zeit“ stritt er sich über den Inhalt eines Interviews. Am Freitag zog er die Konsequenzen aus den Querelen und übergab sein Stimmrecht an seinen Stellverteter. „Das ist allein meine Entscheidung“, sagte er. Allerdings hatten ihm das einige Funktionäre auch nahe gelegt.

Andere haben ebenfalls seit längerem Probleme. „Jemand aus dem NOK hat vertrauliche Informationen an Hamburg gegeben“, raunten sich die Gäste bei einem Empfang in der baden-württembergischen Landesvertretung zu. „Der hat eine Abmahnung bekommen.“ Allerdings gab es keine Quelle hierfür. „Beide Behauptungen kann ich nicht bestätigen", sagte NOK-Präsident Klaus Steinbach.

Inzwischen ist der Prüfbericht erschienen, in dem die Experten des NOK die Bewerbungen der fünf Städte bewertet haben. Hamburg liegt in der Bewertung vorn, Düsseldorf abgeschlagen auf Rang vier. Die RheinRuhr-Region bekam schlechte Noten für die Entfernungen zwischen den Sportstätten und wegen der vielen Olympia-Gegner. „Bei uns hat keiner Fensterscheiben eingeworfen", erklärte Vesper beleidigt. NordrheinWestfalens Ministerpräsident Peer Steinbrück dankte allen Städten für den fairen Wahlkampf - mit Ausnahme Hamburgs.

Im März gab es sogar Krach im Bundestag. Der Sportreferent der SPD, Matthias Liese, wurde beurlaubt. Die Sportsprecherin der Sozialdemokraten, Dagmar Freitag, warf ihm intern Vertrauensbruch vor, heißt es jetzt in Parteikreisen. Liese soll Daten über die Strategie von Düsseldorf an die Hamburger SPD gegeben haben. „Es ist richtig, dass Herr Liese nicht mehr bei uns arbeitet", bestätigte Dagmar Freitag. Mehr wollte sie zu dem Fall nicht sagen. Freitag selbst macht sich für Düsseldorf stark, zur Klausurtagung der SPD war ausgerechnet Feldhoff eingeladen. In der SPD hat die Personalie Wirbel ausgelöst. „Frau Freitag hat die strittigen Informationen zuvor selbst an die Presse gegeben", heißt es in Parteikreisen. Und der beurlaubte Liese will lieber nichts mehr sagen.

Die Beschimpfungen hielten bis zum Schluss an. „Feldhoff spielt Foul", sagte Voscherau vor drei Tagen. Feldhoff konterte: „Ich heiße nicht Düsseldorf, sondern mein Vorname ist Ulrich und mein Nachname Feldhoff.“ Er war nicht der einzige, der sein Stimmrecht zurückgab. „Schluss mit den Pöbeleien", forderte der Chef des Sportbundes, Manfred von Richthofen.

Nun ist alles vorbei – vielleicht. Schriftlich haben sich alle Bürgermeister zur Fairness verpflichtet, egal wie es ausgeht. In einem Brief an Feldhoff hat sich Voscherau entschuldigt. Ob bei der Ausscheidung am Ende auch der Wahlkampf eine Rolle spielt? So mancher Funktionär fragt sich, was passiert, wenn einer der beiden Konkurrenten früh ausscheidet. Wird dann der Unterlegene aus Rache eine andere Stadt wählen? Einige Stimmberechtigte, die Nordrhein-Westfalen favorisieren, haben im internen Kreis schon mal gesagt: „Wenn wir rausfliegen, wählen wir auf keinen Fall Hamburg.“ Umgekehrt wird es kaum anders sein. Profitieren könnte Leipzig. Das wiederum würde vielleicht einen freuen, der in München das Abstimmungsergebnis bekannt geben wird: Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Die Mitgliederversammlung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) hat 73 Stimmberechtigte. Diese verfügen über insgesamt 137 Stimmen. Die 32 Vertreter der olympischen Fachverbände wählen mit jeweils drei Stimmen, die einheitlich für einen Bewerber abgegeben werden müssen. Bisher hat nur der Deutsche Tennis-Bund angekündigt, wie er stimmen wird: für Hamburg.

25 persönliche NOK-Mitglieder sowie 16 Ehrenmitglieder und aktuelle Präsidiumsmitglieder haben jeweils eine Stimme. Zu den persönlichen Mitgliedern zählen etwa die ehemaligen Spitzensportler Anke Huber und Rosi Mittermaier-Neureuther. Heide Ecker-Rosendahl, Präsidentin der Düsseldorfer Bewerbung und Michael Groß, NOK-Berater von Bewerberstädten, haben bereits angekündigt nicht an der Wahl teilzunehmen. Gleiches taten gestern auch Ulrich Feldhoff, Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes, und die ehemalige Fechterin Cornelia Harnisch.

Für den Sieg ist die absolute Mehrheit erforderlich. Solange diese keiner erreicht, scheidet der Bewerber mit den wenigsten Stimmen aus, und es kommt zum nächsten Wahlgang. Bei Gleichstand entscheidet eine Stichwahl, bei erneutem Gleichstand das Los. Dieses gilt in den ersten Wahlgängen, wenn zwei Städte stimmgleich Letzter sind sowie im Finale für die beiden Top-Kandidaten. Tsp

0 Kommentare

Neuester Kommentar