Sport : Die Französin Nathalie Tauziat ist inzwischen bereits Weltranglistendritte

Dietmar Wenck

Man liest keine Geschichten über Nathalie Tauziat, man hört keine Geschichten über Nathalie Tauziat. Dabei ist die Französin eine erfolgreiche Tennisspielerin, nach der neuesten Computerrangliste sogar die drittbeste auf der Welt. Es ist ihre beste Platzierung aller Zeiten, und die Formulierung aller Zeiten darf man an dieser Stelle ruhig verwenden. Denn Nathalie Tauziat ist eine reife Dame im Geschäft der jungen Wilden. Sie ist noch vier Jahre älter als Arantxa Sanchez-Vicario, und die Spanierin gilt nun wirklich schon als ein Relikt einer vergangenen Zeit. Nathalie Tauziat feiert im Oktober ihren 33. Geburtstag, seit 1984 ist sie Profi. Und sie hat sich beinahe von Jahr zu Jahr ein bisschen verbessert. Nur interessiert hat das eigentlich nie jemanden.

"Ist mir egal, ob ich im Schatten lebe, völlig egal. In Frankreich war ich immer im Schatten, weil ich nicht ins System unseres Verbandes passte. Egal, ist mir völlig egal." Als Nathalie Tauziat 1998 das Finale in Wimbledon erreichte, als erste Französin seit der legendären Suzanne Lenglen in den 20er Jahren, brach die ganze aufgestaute Wut über all die Missachtung aus ihr heraus. Geboren und aufgewachsen in der Zentralafrikanischen Republik, die durch die Schreckensherrschaft des Kaisers Bokassa zu trauriger Berühmtheit gelangte, zog sie 1976 mit ihrer Familie nach Frankreich. Ihr Vater hatte in Afrika Badezimmerartikel verkauft, offenbar ein nicht florierendes Geschäft. Ihr Cousin ist der Fußball-Weltmeister Didier Deschamps. In Frankreich begann Nathalie Tauziat konzentriert mit dem Tennis und fiel als Talent auf. Seit dem 13. Lebensjahr, also seit 20 Jahren, arbeitet sie mit Regis de Cameret zusammen, der anfangs auch Isabelle Demongeot betreute. Vom französischen Verband gab es keine Unterstützung: Die kleine Nathalie war nach Ansicht der Funktionäre "zu schlecht". Vielleicht lag es auch daran, dass Regis de Cameret ein Mann ist, der sagt, was er denkt - und damit nicht immer auf Gegenliebe stößt. Doch unbeirrt machte Tauziat weiter. Obwohl es nur schleppend voran ging.

Wimbledon 1998 war die Krönung der Bemühungen, auch wenn sie im Endspiel der Tschechin Jana Novotna unterlag. "Ich bin zwar nicht auf dem Mond, aber fast", sagte Nathalie Tauziat, als sie plötzlich im Mittelpunkt der Journalisten stand. In jenem Jahr war ihr 30-jährig auch erstmals der Sprung in die Top Ten der Weltrangliste geglückt, nach 14 Profijahren. Warum gerade in diesem Jahr? Keine Ahnung, antwortete Nathalie Tauziat: "Wahrscheinlich bin ich wie der französische Wein, je reifer, desto besser." Wer an einen Zufall glaubte, wurde inzwischen eines Besseren belehrt. Es ist ein Rätsel, wie sie im reifen Tennis-Alter der Konkurrenz der Jungen mit ihren harten Schlägen und ihrem hohen Tempo mehr denn je nicht nur standhalten kann, sondern sie oft mit ihrem weichen, durchdachten Spiel zur Verzweiflung bringt. Erst sieben WTA-Turniere hat Tauziat gewonnen, zuletzt in der Halle in Paris, wo sie auch Serena Williams und Anna Kurnikowa bezwang.

Mit ihrem Faltenrock wirkt Nathalie Tauziat manchmal wie eine Tennisspielerin aus noch länger zurückliegenden Zeiten. Sie spielt eine wunderschöne einhändige Rückhand. Sie geht als eine der letzten ans Netz, um ihre Punkte zu machen. Diesen Weg hat Nathalie Tauziat erst spät gewählt. Dem Druck der Gegnerinnen konnte die 1,65 m kleine Französin von der Grundlinie aus einfach nicht mehr standhalten. Sie musste etwas tun. Obwohl sie so klein ist, tut sich die Konkurrenz schwer, sie am Netz zu überwinden. Und besonders in Wimbledon ist sie in ihrem Element. "Eine wie ich liebt die Technik und das Ballgefühl", sagt sie und damit ist auch klar, wer ihr von den jungen Spielerinnen am meisten imponiert: "Martina Hingis. Wenn wir zusammen trainieren, haben wir immer Spaß." Den Spaß will sie an andere weitergeben. In ihrer neuen Heimat Bayonne betreibt Nathalie Tauziat eine Tennis-Akademie, als zweites Standbein, falls ihre Laufbahn bald zu Ende geht.

In Berlin ist Nathalie Tauziat Stammgast. In 15 Jahren seit 1986 hat sie kein Turnier verpasst. Ihr erstes Einzel bestritt sie gegen die Brasilianerin Niege Dias, die längst ihre Karriere beendet hat. Ebenso wie Sabrina Goles, Beth Herr, Anne Devries, Iva Budarova, ihre nächsten Kontrahentinnen beim LTTC Rot-Weiß. Danach kam Steffi Graf, im Viertelfinale 1987, und wie in jedem der insgesamt 21 Vergleiche der Beiden zog die Französin glatt in zwei Sätzen den Kürzeren. Trotzdem waren sie eine Weile gute Freundinnen - die eine mochte am liebsten gewinnen, die andere konnte mit den Niederlagen leben. Aber mal ganz ehrlich: Wen interessiert das schon, wenn eine Tennisspielerin Nummer drei der Welt ist, nicht wie ein Cover-Girl aussieht, 20 Jahre lang denselben Trainer hat und bei Niederlagen nicht an das Ende der Welt glaubt?

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