Sport : Die französische Restauration

Johan Micoud war in Bremen zuletzt unbeliebt – nun begeistert der Spielmacher wieder mit Genialität

Steffen Hudemann[Bremen]

Es lief die 60.Minute des Bundesligaspiels zwischen Werder Bremen und Borussia Dortmund, als im Weserstadion der Gesang immer lauter wurde. „Na-na-na-na-na-na-na“ klang es nach der Melodie von des Beatles-Klassikers „Hey Jude“ aus der Bremer Fankurve. „Na-na-na-na – Miii-couuud.“ Ivan Klasnic hatte soeben das 2:1 für Werder erzielt, doch die Bremer Fans wussten, wer der wahre Vater dieses Tores war. Johan Micoud, der Spielmacher aus Frankreich, hatte kurz vor dem Dortmunder Strafraum den Ball bekommen. Andere hätten in dieser Situation vielleicht geschossen oder gedribbelt – Micoud wählte die elegante Variante. Mit einem genialen Heber spielte er die gesamte Dortmunder Abwehr aus, Ivan Klasnic hatte keine Mühe mehr, den Ball im Dortmunder Tor unterzubringen.

In der Meistersaison 2003/04 war der Franzose der unumstrittener König von Bremen. Seine Pässe hatten Ailtons Tore erst ermöglicht. Fans und Verantwortliche waren sich einig, dass sie so einen begabten Mittelfeldspieler in Bremen noch nie gehabt haben. Doch zuletzt waren Sympathiebekundungen wie am Samstag selten geworden. Immer häufiger machte sich im Stadion ein diffuses Gemisch aus unruhigem Gemurmel und Pfiffen breit, sobald Micoud ein Trick nicht geglückt, ein Pass nicht gelungen war.

Eine Ursache für die Ungeduld des Publikums ist die Körpersprache des Franzosen. Seine hängenden Schultern werden oft als Zeichen fehlender Motivation missverstanden. Auch neben dem Platz war Micoud immer schwierig. Interviews gibt er nur selten, direkt nach dem Spiel gar nicht. In der Mannschaft hat er nicht nur Freunde. Zutage trat dies in der diesjährigen Winterpause, als Micoud seinem Mitspieler Fabian Ernst im Streit eine Platzwunde zufügte.

Doch am Samstag erlebte Bremen die Renaissance der hohen französischen Spielkultur. Der 32-Jährige verteilte die Bälle im Mittelfeld. Er bereicherte das Spiel mit überraschenden Ideen. Das 2:1 bereitete er vor, den Siegtreffer schoss „Le Chef“, wie sie ihn nennen, selbst. Mit einem Treffer, fünf Torschüssen und fünf Torschussvorlagen war Johan Micoud der auffälligste Spieler auf dem Platz. „Er macht manchmal den Unterschied aus“, sagte Stürmer Miroslav Klose nach dem Spiel über seinen Kollegen. Werders Sportdirektor Klaus Allofs fügte hinzu: „Der Pass zum zweiten Treffer war super. So etwas erwarten die Leute immer von ihm.“ Seit der Meistersaison seien die Ansprüche hoch, sagte Allofs. „Daran wird er nun gemessen.“ Der Angriff der Bremer ist bereits in hervorragender Verfassung. Klose und Klasnic haben in fünf Spielen zusammen elf Tore geschossen. Wenn nun noch Micoud Bestform erreichen sollte, könnten die Bremer in dieser Saison unter günstigen Umständen sogar die anscheinend übermächtigen Bayern in Gefahr bringen. Doch derartige Mutmaßungen findet Allofs verfrüht: „Wir sind keine Bayern-Jäger.“ Die Konkurrenz werde schon „hier und da mal einen Punkt verlieren“, meinte der Sportdirektor.

Eine kleine Sensation gelang den Bremern schon am Tag nach der Partie gegen Dortmund. Sie hatten es geschafft, den Spieler des Tages zum Interviewtermin zu überreden. Johan Micoud sollte am späten Sonntagabend im NDR-Fernsehen auftreten. Die Stimmung muss derzeit sehr gut sein in Bremen.

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