Sport : Die Frau dahinter

Daniela Anschütz kommt an den Stars im Eisschnelllauf nicht vorbei – aber sie wird immer besser

Frank Bachner

Berlin - Anni Friesinger startet, das ist normal. Sie ist nicht verletzt, sie ist in guter Form, außerdem kann sie zu Hause laufen. Die Deutschen Mehrkampf-Meisterschaften im Eisschnelllauf, die heute beginnen, finden in Friesingers Wohnort Inzell statt. Natürlich ist sie Favoritin, sie ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und elfmalige Deutsche Meisterin. Der Wettkampf in Inzell ist für sie ein Test für die EM Anfang Januar. Friesinger startet also, „und das ist eine Katastrophe“, sagt Stephan Gneupel. Er meint das nicht böse, der Trainer Gneupel denkt nur daran, dass Daniela Anschütz nun kaum Chancen hat, den Titel zu gewinnen. Platz zwei, der ist so gut wie sicher. Aber für Platz eins hätte auch Friesinger verletzt sein müssen. Claudia Pechstein, die Olympiasiegerin aus Berlin, hat einen Infekt. Sie startet nicht. Sie steht Daniela Anschütz aus Erfurt diesmal nicht im Weg. Sonst meistens schon.

Andererseits: So nahe an Friesinger und Pechstein ist Daniela Anschütz sportlich noch nie gekommen wie in diesem Jahr. „Es spricht viel dafür, dass dies ihre stärkste Saison wird“, sagt Gneupel. Daniela Anschütz ist jetzt die Nummer drei im deutschen Eisschnelllauf, und sie hat sich diese Position hart erarbeitet. Sie lag beim Weltcup in Heerenveen über 1500 m vor Pechstein und Sabine Völker, sie stellte beim Weltcup in Berlin über 1500 m und 3000 m persönliche Rekorde auf und ließ Pechstein hinter sich, sie lief vor einer Woche persönliche Hallen-Bestzeit über 500 m. Sie hat gute Chancen, dass sie endlich mehr als nur kurz wahrgenommen wird. Sie ist jetzt 30 Jahre alt, sie kennt das Leben in der Unauffälligkeit. Sie hat elf Jahre darin verbracht.

Sie hatte immer Größere vor sich. In Erfurt lief sie immer im Schatten von Gunda Niemann, der lokalen Konkurrentin. Die Schatten der Stars wurden größer, als Friesinger und Pechstein zu Medienfiguren aufstiegen. Und Anschütz verschwand noch mehr. Sie hatte nicht diese Eleganz, diese Kraft, diese Kompromisslosigkeit der anderen. „Sie musste sich alles hart erarbeiten“, sagt Gneupel. Sie wurde Deutsche Meisterin über 5000 m (2001, 2002), weil ein Teil der Konkurrentinnen fehlten, kaum einer bemerkte es. Und oft genug war sie erkältet und damit nicht belastbar. Erst 2002 war sie gesund, da holte sie ihre erste internationale Medaille: Bronze bei der Mehrkampf-WM. Aber eine Saison später wurde sie wieder krank und fiel zurück in die Unauffälligkeit. Im Herbst 2003 brach sie ein Trainingslager in Livigno mit Magenproblemen nach drei Tagen ab. Bei der WM in Seoul hatte sie Durchfall, drei Tage vor ihrem Start hing sie am Tropf. Sie lief auf Platz zehn über 5000 Meter. Dann 2003 sprang ihr einziger Sponsor ab. Damit hatte sie nur noch die Bundeswehr als Geldgeber. Bei der Wahl der Thüringer Sportlerin des Jahres 2003 landete sie abgeschlagen.

Jetzt ist vieles anders. Die 30-Jährige ernährt sich streng nach Plan und achtet mehr auf ihre Gesundheit. Sie blieb verletzungsfrei, und Gneupel erhöhte deshalb die Trainingsbelastung. Daniela Anschütz stemmt jetzt 130 Kilogramm Gewichte, und sie hat mehr Kondition. Und natürlich ist sie mit jedem guten Rennen gelassener geworden. Da hilft es, sagt Gneupel, „dass bei ihr zu Hause keiner meckert, wenn sie so oft weg ist“. Ihr Freund war selber mal Eisschnellläufer, er versteht das. Schließlich zog er sogar extra wegen ihr von Berlin nach Erfurt.

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