Sport : Die Frau, die in der Kälte schwimmt

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Von Frank Bachner

Berlin. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel, das Wasser war auf 27 Grad aufgeheizt, und als Angela Maurer an Land kletterte, war sie fertig. Sie war 25 Kilometer geschwommen, und ihr Körper war ausgezehrt. Aber sie hatte Bronze gewonnen, Bronze bei der Schwimm-Weltmeisterschaft. Sie kam aus dem Wasser, und ein Reporter fragte sie: „Haben Sie etwas von der Landschaft mitbekommen?“ Kein Glückwunsch, keine Frage nach ihren Gefühlen, Angela Maurer hatte wieder ihren öffentlichen Stellenwert erfahren. Als Peggy Büchse dagegen an Land kletterte, als Siegerin über zehn Kilometer, durfte sie erzählen. Dass sie geweint hatte auf den letzten Metern, dass ihr Trainer beim Rennen ständig einen Buddha gestreichelt hatte, Büchses Glücksbringer. Schöne, herzergreifende Geschichten.

So war das bei der WM 2001. Langstreckenschwimmen, das war Peggy Büchse aus Rostock, Weltmeisterin, Doppel-Europameisterin. Neben Büchse wurde keine andere bemerkt. Aber im März ist Büchse unerwartet zurückgetreten, weil sie genug hatte vom Sport, und aus Angela Maurer platzt es heraus: „Klar sage ich: Endlich habe ich die Chance, die deutsche Nummer 1 zu werden. Ich war ja die ewige Zweite.“

Heute schon kann die 26-Jährige die Nummer 1 werden. Heute beginnen die Europameisterschaften, und der erste Wettbewerb sind die 25 Kilometer im Templiner See bei Potsdam (9 Uhr). Angela Maurer aus Wiesbaden ist eine der Favoritinnen. „Mein Ziel ist Gold“, sagt sie, „aber eine Medaille genügt mir auch.“ Sie startet auch noch über zehn Kilometer, aber das sei ja schon „ein Sprint“, und dort ist die Konkurrenz stärker „und eine Medaille holt man nur mit Glück“.

Die 25 Kilometer sind anstrengender. Nach drei Stunden im Wasser, hat Peggy Büchse mal über diese Strecke erzählt, „reicht der Coach die erste Tablette. Denn ohne Schmerztabletten hält niemand diese Schinderei durch“. Die Schmerzen kommen auch bei den Fünf- und Zehn-Kilometer-Rennen, aber über 25 Kilometer dauern sie länger.

Angela Maurer denkt aber vor allem an die Kälte. „Ich habe den Eindruck, dass das Wasser immer kälter wird.“ Aber da „muss man sich durchbeißen“. Genau, vor allem jetzt, da Peggy Büchse weg ist. Die hatte mit Schwimmen Geld verdient. Angela Maurer aber sagt: „Ich habe zwar drei Sponsoren, aber da kommt nicht viel rüber.“ Sie bezahlt ihre Flüge zu Weltcup-Rennen selber, sie arbeitet nur zweimal wöchentlich als Halbtagskraft. Im öffentlichen Dienst, Verwaltung. „Sonst könnte man das Training nicht bewältigen.“

Sie will ja nichts gegen Peggy Büchse sagen, natürlich nicht, „ich respektiere ihre Leistungen“. Sie war mehr über diese Kluft zwischen Büchse und dem Rest verärgert. Sie wurde zweimal WM-Dritte, gewann 1999 den Europacup und wurde 2000 Dritte des Gesamt-Weltcups, aber das interessiert ja kaum einen. „Ich habe in Gesprächen sehr oft erfahren, dass ich im Schatten von Peggy stand“, sagt sie. Konkreter möchte sie nicht werden. Ist auch nicht nötig. Es interessierte einfach nicht, dass sie in der Woche bis zu 100 Kilometer schwimmt, im Becken, weil es in Wiesbaden in ihrer Nähe keinen offenen See gibt.

Aber wenn sie heute Gold holt? Und Büchse doch nicht mehr da ist? Aussichten auf neue Sponsoren? „Mal sehen“, sagt Angela Maurer. Bei Peggy Büchse war das anders. Als die zurücktrat, sagte die Weltmeisterin, sie müsse mit den Sponsoren reden. Da waren ja genügend. Aber dann fügte sie fröhlich hinzu: „Ich nage nun keinesfalls am Hungertuch.“

Es wird dauern, bis Angela Maurer das Gleiche sagen kann. Wenn überhaupt.

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