Die Frauen-WM als Lifestyle-Event : Man erkennt das Unbehagen

Die Weltmeisterschaft wird als verlängerter Laufsteg für kickende Models vermarktet. Doch schon rächt sich die bedingungslose Eventisierung. Ein Essay.

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Das Gesicht des Frauenfußballs in Deutschland - nur leider spielt Fatmire Bjramaj bei dieser WM sportlich nur eine untergeordnete Rolle.
Das Gesicht des Frauenfußballs in Deutschland - nur leider spielt Fatmire Bjramaj bei dieser WM sportlich nur eine untergeordnete...Foto: dpa

Sinsheim am Samstagnachmittag, kurz vor dem Spiel USA – Kolumbien. Auf dem Weg vom Bahnhof zur Rhein-Neckar-Arena hat ein fliegender Händler seinen Stand aufgebaut. Das Geschäft läuft mäßig, was auch am angebotenen Sortiment liegen mag: Schals aus Kroatien, Argentinien und Costa Rica. Restbestände vom alten Sommermärchen.

Rund um die Frauen-Weltmeisterschaft, die niemand offiziell mit der WM 2006 vergleicht, wodurch der Vergleich erst recht allgegenwärtig ist – rund um diese Frauen-Weltmeisterschaft ist oft die Rede davon, dass der Frauenfußball in Deutschland endlich den Stellenwert und Respekt erhält, der ihm gebührt. Es hat sich offenbar nicht zum Sinsheimer Straßenhändler herumgesprochen, wie viel Geld der Deutsche Fußball-Bund in dieses Projekt gesteckt hat. Präsident Theo Zwanziger verspricht „ein Event, ein Mitfeiern, ein Miterleben“. Schon der WM-Slogan „20Elf von seiner schönsten Seite“ lässt erahnen, dass es dabei nur am Rand um Fußball geht. Tanja Rest hat dazu in der „Süddeutschen Zeitung“ die klugen Sätze formuliert: „Die ganze kollektive Verkrampfung zeigt sich an der Art und Weise, wie die deutsche Frauen-Elf vor der WM vermarktet wird. Die Botschaft ist eben nicht: Auch Frauen können gut Fußball spielen. Sondern: Auch Frauen, die Fußball spielen, können gut aussehen.“

Der DFB vermarktet die Weltmeisterschaft nicht als Fußballturnier, sondern als verlängerten Laufsteg für elf kickende Models von ihrer schönsten Seite. Vor der WM posierten die Nationalspielerinnen in Werbespots bevorzugt mit Lippenstift und Schminkspiegel. Kaum jemand nimmt die deutschen Nationalspielerinnen so wenig als Sportlerinnen wahr wie der eigene Verband. Gerade erst hat der Stuttgarter Marketing-Professor Markus Voeth der Deutschen Presseagentur erzählt: „Das ist eine gefährliche Geschichte, weil Sportsponsoring seinen Erfolg am Ende über den Sport verbucht.“ Und: „Sex sells ist langfristig keine Wirkungsbasis.“

Die Frauen verweisen gern darauf, dass sie sich nicht mit den Männern vergleichen lassen wollen und vielmehr eine andere Sportart betreiben, sie hat sogar einen eigenen Namen, Frauenfußball. Das ist schon ein bemerkenswertes Alleinstellungsmerkmal. Niemand spricht von Frauenleichtathletik oder Frauenvolleyball. Aber auch im Frauenfußball beträgt die Spielzeit zweimal 45 Minuten, der Strafraum wird von weißen Kreidelinien markiert und am Ende gewinnt die Mannschaft, die mehr Tore geschossen hat als der Gegner. Natürlich spielen Frauen das gleiche Spiel wie die Männer, sie spielen es nur nicht so schnell, nicht so körperbetont, technisch nicht so anspruchsvoll, kurzum: Sie spielen nicht so gut.

Das ist eine politisch völlig unkorrekte Feststellung, aber ihr Wahrheitsgehalt lässt sich jeden Tag live und zur besten Sendezeit im Fernsehen überprüfen. Auf „Spiegel Online“ mahnt Barbara Hans: „Gleichberechtigung ist nicht dann erreicht, wenn man die sportlichen Leistungsunterschiede unter den Teppich kehrt.“ Gewiss, die kickenden Frauen haben in den vergangenen Jahren großartige Fortschritte gemacht. Die WM-Spiele sind zum Teil spannend und umkämpft, es gibt keine sportlichen Farcen mehr wie vor vier Jahren in China, als die deutsche Mannschaft in ihrem Eröffnungsspiel 11:0 gegen Argentinien siegte. Die Frauenfußballwelt ist enger zusammengerückt, aber die Qualität ist eben doch überschaubar, denn sie wird sich immer an dem messen müssen, was die Männer zur Vorführung bringen.

Das mag ungerecht sein, aber der Wettkampf um öffentliche Aufmerksamkeit wird immer über den Vergleich geregelt, und beim Anschauen eines Fußballspiels reduziert niemand automatisch seine Ansprüche wegen des Geschlechts der Interpreten. Der DFB wollte die größtmögliche Bühne, er hat dem Turnier einen so gigantischen Rahmen verpasst, dass er kaum mit sportlichen Inhalten zu füllen ist. Die deutschen Nationalspielerinnen haben diese Bühne nicht gefordert, sie scheinen im Alltag ganz zufrieden zu sein mit ihrer beschaulichen Bundesliga, wo sie mit einem treuen Fachpublikum unter sich sind. Die Bundesliga steht für Authentizität. Bei dieser überdimensionierten WM weicht der Spaß am Spiel zwangsläufig der Verantwortung für die nationale Sache und die Stellung der Frau in der Gesellschaft. „Es ist nicht ganz klar, ob die Spielerinnen wissen, welche Erwartungen von ganz oben, von der Spitze des Staates an sie gerichtet werden. Womöglich denken sie, sie spielten nur Fußball“, schreibt Sabine Rennefanz in der „Berliner Zeitung“.

Man erkennt dieses Unbehagen innerhalb der Nationalmannschaft am unbewussten Mobbing gegen Lira Bajramaj, die das Pech hat, dass sie parallel zu ihren Fähigkeiten auf dem Fußballplatz auch noch ganz gut aussieht, worauf sie von der deutschen Werbeindustrie zum weiblichen David Beckham hochstilisiert worden ist. Und man merkt es an der tiefen Verzweiflung bei Birgit Prinz, dem Gegenentwurf zur omnipräsenten Werbefigur Bajramaj. Birgit Prinz verabscheut den Laufsteg, sie will einfach nur Fußball spielen und Tore schießen, aber das fällt ihr vor einem erwartungsfrohen Millionenpublikum mit jedem Tag schwerer.

Einfach nur spielen, das geht nicht in diesen Tagen. Denn es geht bei der Weltmeisterschaft in erster Linie nicht um Fußball, es geht um Marketing, um eine Wertmaximierung eines Produktes, das beim klassischen Publikum an seine Grenzen stößt. Über den Sport allein funktioniert das nicht, das zeigen die bescheidenen Zuschauerzahlen in der Frauen-Bundesliga. Also haben der DFB und der Weltverband Fifa die WM mit höchstem finanziellen Einsatz zu einem gesellschaftlichen Ereignis aufgeblasen, mit den bekannten Folgen. Kaum jemand interessiert sich für das Spiel, aber jeder für das Event.

Für den Deutschen Fußball-Bund und seinen umtriebigen Präsidenten Zwanziger trifft es sich gut, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nur allzu bereit sind, die Mission an das Volk zu senden. Für beide Seiten ist es ein Kompensationsgeschäft mit garantierter win-win-Prognose. Hier die Quote, dort die Vermarktung. In diesem Sinne inszeniert der Staatsfunk die Weltmeisterschaft kritiklos als eine schwarz-rot-goldene Party mit Komparsinnen aus aller Damen Länder. Die Redebeiträge der Herren Bernd Schmelzer, Tom Bartels oder Claus Lufen liefern täglich neue Argumente für die Abschaffung der öffentlich-rechtlichen Zwangsgebühren. Das Missverhältnis zwischen Quote und Qualität ist keineswegs mehr ein Alleinstellungsmerkmal der privaten Konkurrenz.

Doch schon rächt sich der bedingungslose Hang zur Eventisierung. Als die deutschen Spielerinnen am Donnerstag nach einer schwachen ersten Halbzeit gegen Nigeria den Frankfurter Rasen verließen, dröhnten Pfiffe in ihren Ohren. Das Publikum forderte ein, was ihm versprochen war: attraktive Unterhaltung mit einer Garantie auf sportlichen Erfolg. Die deutsche Mannschaft hat die Pfiffe später umzudeuten versucht als Kritik an den unfairen Gegnerinnen und an der überforderten Schiedsrichterin. Diese Phantasie bei der Interpretation unangenehmer Begleiterscheinungen, sie fehlt ihnen bislang im Kerngeschäft auf dem Rasen.

Das Spiel gegen Nigeria haben die Deutschen noch gewonnen, aber ein Stück der Leichtigkeit ist am Donnerstag verloren gegangen. Die Entzauberung wird weiter voranschreiten, wenn die Dimensionen nicht gewahrt bleiben. Dann verstößt das Event seine Kinder.

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