Sport : Die Freiheit auf dem Eis

Yvon Corriveau saß unschuldig im Gefängnis – der Sport half ihm, dieses Erlebnis zu verarbeiten

Claus Vetter

Berlin. Yvon Corriveau wurde von den Kollegen beglückwünscht. Das war ihm peinlich. War doch sein Schuss, der den Eisbären am Donnerstag einen 3:2-Erfolg bei den Iserlohn Roosters bescherte, eher zufällig an Torwart Michael Fountain vorbeigeschlittert. „Ich wollte eine Bewegung zur Seite machen, und dabei habe ich dann den Puck nicht mehr unter Kontrolle gehabt.“ Egal: Tor. Corriveau hatte das Spiel für den Tabellenführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gewonnen, weil außer ihm keiner im Penaltyschießen traf.

Matchwinner Corriveau: Es läuft immer besser bei dem Kanadier, fast in jedem zweiten Spiel steuert er bei den Berlinern eine Vorlage oder ein Tor bei. 13 Scorerpunkte hat er auf seinem Konto. Das hört sich wenig an, ist aber nun doch erstaunlich viel, weil Corriveau in den ersten Wochen der Saison nicht spielen konnte – in zweifacher Hinsicht: Beim Saisonstart fehlte er, danach lief es nicht bei ihm. Damals, zwischen September und November war Corriveau kaum ansprechbar. Der Stürmer vom EHC Eisbären, dem die Fans des Berliner Klubs wegen seiner körperlichen Konstitution und seiner draufgängerischen Art den Spitznamen „Eisern“ verpasst haben, wirkte ängstlich, schüchtern und vor allem verletzt. „Aber das war doch völlig normal“, sagt er heute.

Normal war im Leben des Yvon Corriveau damals wenig. Es waren jene 17 Tage in einer Einzelzelle in der schwedischen Kleinstadt Kristianstad, die das Leben des inzwischen 37-Jährigen verändern sollten. Vergewaltigung lautete der Vorwurf gegen Corriveau. Das Verbrechen sollte sich während des Trainingslagers der Eisbären im August in der Kleinstadt Tyringe im Mannschaftshotel abgespielt haben. Mit so etwas scherzt man nicht, eigentlich. Manche Menschen machen es aber, so etwa die junge Frau, die Corriveau und Mannschaftskamerad Brad Bergen zu Unrecht beschuldigte. Über zwei Wochen brauchte die schwedische Staatsanwaltschaft, um festzustellen, dass an den Anschuldigungen nichts dran war.

Corriveau und Bergen wurden freigelassen. Ohne Entschuldigung, ohne Entschädigung. Aber wer kann einem schon die verlorene Zeit in der Zelle zurückgeben? Corriveau hatte Kristianstad im Kopf, als er in Berlin wieder das Training aufnahm. Als er dann endlich sein Comeback auf dem Eis feierte, feierten ihn die Fans. Zunächst, doch als dem Mann, der immerhin 309 Spiele in der nordamerikanischen Profiliga NHL absolviert hat, und in der vorigen Saison 16 Tore für die Eisbären schoss, Spiel für Spiel nichts gelingen wollte, da wurde die Kritik auf den Tribünen im Sportforum an ihm lauter: von wegen Schonfrist vorbei. Und was bringt der Corriveau noch? Der läuft ja nur hinterher, da ist ja jeder 18-Jährige bei den Eisbären besser.

Yvon Corriveau hat das gemerkt. „Aber mir haben viele Menschen geholfen, auch meine Mitspieler“, sagt er. „Was ich durchgemacht habe, will niemand durchmachen, und ich möchte das auch nicht noch mal durchgehen. Es war absolut hart.“ Lange habe es gedauert, bis er Kristianstad verarbeitet hatte. „Ich wusste, dass das dauert. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich zwei oder drei Monate dafür brauchen würde.“

Doch viele Gespräche und Eishockeyspiele haben Corriveau geholfen. „Ich habe wieder Selbstvertrauen. Ich bekomme mehr Einsätze auf dem Eis. Es funktioniert immer mehr von dem, was ich mache.“ Und das hilft den Eisbären. „Einen wie Corriveau brauchen wir“, sagt Manager Peter John Lee. „Der bringt uns das kämpferische Element, was wir in den Play-offs brauchen.“ Und kämpfen will Corriveau. Auch weil es wieder Spaß macht. Ende vergangenen Jahres hat er noch ans Aufhören gedacht. Aber jetzt, wo es immer besser läuft? „Vielleicht mache ich doch weiter. Ich muss das noch mal mit meiner Frau besprechen.“

Doch bevor dieses Gespräch stattfindet, sagt er, sind erst mal andere Dinge wichtig. „Wir haben eine Mannschaft, die Meister werden kann. Und ich bin überzeugt, dass wir das schaffen.“ So redet jemand, der schon sehr viel geschafft hat. „Eishockeyspielen hat mir geholfen, die Vergangenheit zu bewältigen“, sagt Yvon Corriveau.

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