Sport : Die Freundschaft macht Pause

Neuerdings verstehen sich die Kombinierer Ackermann und Manninen – doch heute kämpfen sie um Gold

Benedikt Voigt[Turin]

Vor eineinhalb Monaten musste Hannu Manninen seinen Konkurrenten belügen. Ronny Ackermann hatte sich nach dem Weltcup in Ramsau gewundert, als der Finne ebenfalls in das Flugzeug einstieg, das ihn zur Wahl zum Sportler des Jahres in Deutschland nach Baden-Baden brachte. „Meine Freundin in Finnland ist schwanger“, sagte Manninen, „es geht ihr nicht so gut, deshalb reise ich von Baden-Baden gleich zum Flughafen Frankfurt weiter.“ Das stimmte nicht. Vielmehr trat der blonde Finne bei der Wahl als Überraschungsgast auf und überreichte seinem erstaunten Konkurrenten die Trophäe. Später tanzten sie gemeinsam und räumten ihre Probleme aus. Nur eine Person sei sauer über seine Notlüge gewesen, erzählt Manninen. „Meine Freundin musste allen erklären, dass sie nicht schwanger ist.“

Zumindest heute ist die Zeit der neuen Freundschaft zwischen den beiden Konkurrenten wieder vorbei. Ronny Ackermann und Hannu Manninen streben nach etwas, das nur einer bekommen kann: Olympisches Gold in der Nordischen Kombination (Springen um 11 Uhr, 15 km Langlaufen um 15 Uhr, live im ZDF). Für Manninen spricht, dass er zuletzt im Weltcup fünfmal in Folge siegte und der überragende Kombinierer dieses Winters ist. „Er hat den Druck“, entgegnet Ronny Ackermann, „ich mache mir keinen.“ Er weiß allerdings auch, dass er als Doppel-Weltmeister von Oberstdorf ebenfalls eine Favoritenrolle trägt, obwohl er in dieser Saison erstmals keinen Weltcup gewinnen konnte. „Ich habe hart gearbeitet und gehe mit dem inneren Gefühl in die Wettkämpfe, alles probiert zu haben“, sagt der 28-Jährige, „sollte es in Turin nicht klappen, muss ich mir nicht den Vorwurf machen.“

Ronny Ackermann hatte in der gesamten bisherigen Saison Probleme beim Springen. In den letzten Wochen hat er nun seinen Sprungstil umgestellt. Weil die Anzüge in dieser Saison enger geworden sind, musste er den Absprung verändern. „Erst im Dezember wusste ich, dass ich mich total umstellen muss“, sagt Ackermann.Er trainierte zuletzt in Rossfeld bei Berchtesgaden auf kleinen 30- und 60-Meter-Schanzen. Zwei Weltcup-Wettbewerbe ließ er aus, um weiter an seiner Technik zu feilen. „Er darf nicht mehr so aggressiv abspringen“, sagt Andreas Bauer. Beim ersten Training auf der Olympiaschanze in Pragelato hatte Ackermann nach Sprüngen auf 96,5 und 91 Meter „ein gutes Gefühl“.

Wichtiger aber wird sein, welches Gefühl Hannu Manninen für die windanfällige 90-Meter-Schanze in Pragelato entwickeln kann. Eigentlich dürfte dem Finnen der Sieg nicht zu nehmen sein, wenn man nicht die Ereignisse der letzten Jahre kennen würde. Der schüchterne Finne leidet unter einer seltsamen Versagensangst bei Großereignissen. 40 Weltcupsiege hat er inzwischen gesammelt, der Gesamtweltcupsieg in diesem Winter ist ihm erneut sicher – doch bei einer Weltmeisterschaft oder bei Olympischen Spielen ging er regelmäßig leer aus. Immer noch ist keine Einzelmedaille in seiner Bilanz vermerkt. „Ich finde das nicht so schlimm“, sagt Manninen, „wenn es in Turin nicht klappt, geht das Leben trotzdem weiter.“

Etwas Hoffnung schöpft Bundestrainer Hermann Weinbuch auch noch aus dem Weltcup in Ruhpolding Anfang Januar, als Manninen, der als starker Läufer bekannt ist, in Führung liegend plötzlich einbrach. „Manninen hat manchmal diese Schwächen“, sagte Weinbuch damals. Zwar hat der Athlet aus Rovaniemi seitdem jeden Weltcup gewonnen, doch nach dem ersten Training in Pragelato klagte er über die Anlage: „Ich spüre keine Luft unter dem Ski.“ Geht es schon wieder los?

Es sind zwei unterschiedliche Charaktere die heute um Gold streiten. Hier der ruhige und sanfte Manninen, dort der ehrgeizige und verbissene Ackermann. Einen Tiefpunkt hat ihre sportliche Beziehung in dieser Saison bereits hinter sich, als Ackermann in Lillehammer seinen im Zielraum am Boden liegenden Konkurrenten mit dem Stock schlug und eine Wunde am Oberarm beibrachte. Doch Manninen, der nach seiner Karriere Lehrer für Mathematik und Sport werden will, sagt: „Das hat uns näher zusammengebracht.“ Es folgten eine Entschuldigung und der gemeinsame Auftritt in Baden-Baden.

Heute gibt es jedoch nur eine Möglichkeit einer Gemeinsamkeit: Wenn keiner von beiden Gold gewinnt.

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