Sport : Die Friedensfahrt

Judith Arndt wird Weltmeisterin und versöhnt sich mit dem Radsport-Verband

Hartmut Scherzer[Verona]

Judith Arndt hatte sich so sehr gewünscht, dass die Nationalhymne auch mal für sie erklingt und nicht immer nur für andere gespielt wird. Die Radrennfahrerin fühlte sich schon lange als die ewige Zweite. Aber jetzt, auf der Piazza Bra in Verona, war es endlich so weit. Die Musik zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ertönte, und der Anlass war ihr Sieg.

Mit einem Schrei und in Jubelpose war die 28-jährige Leipzigerin bei der Rad-WM in der Straßen-Konkurrenz kurz zuvor über die Ziellinie gerollt. Keine Konkurrentin war in der Nähe. Solo für Judith Arndt auf dem Corso Porta Nuova. Bei der Zeremonie aber blieb das blasse, schmale Gesicht der zierlichen Frau im Regenbogentrikot ernst und verschlossen wie bei einer Trauerfeier. „Ich konnte mich gar nicht richtig auf die Hymne konzentrieren, weil ich die Tränen unterdrücken musste.“

Mit einer mutigen Attacke hatte sich die Olympiazweite nach der letzten Bergpassage abgesetzt und war die letzten sechs Kilometer allein gefahren. „Ehe eine wegfährt und sich alle angucken, fahre ich lieber selbst weg“, sagte sie später. Sie habe für derlei Situationen mittlerweile „die nötige Erfahrung“. Nach 132,75 Kilometern siegte die 28-Jährige, die schon Silber im Zeitfahren gewonnen hatte, mit zehn Sekunden Vorsprung vor der Italienerin Tatiana Guderzo und der Norwegerin Anita Valen. Judith Arndt ist die vierte deutsche Straßenweltmeisterin. Auf Platz vier landete Trixi Worrack (Cottbus).

Judith Arndt hörte gar nicht auf, ihre Mannschaftskameradin zu loben und ihr zu danken. Worrack hatte sich für Arndt aufgeopfert, hatte beim letzten Anstieg das Loch zu zwei Ausreißerinnen zugefahren und damit der Leipzigerin erst den Sieg ermöglicht. „Es geht nicht ohne Team", sagte Judith Arndt. Das Trikot gehöre daher nicht ihr allein, sondern jeder der fünf Streifen auf dem Regenbogentrikot stehe den fünf Team-Kolleginnen zu. Sie habe die Verantwortung gespürt, „etwas reißen zu müssen, damit die anderen nicht vergeblich gearbeitet haben“. Radsport ist eben Mannschaftssport. „Ich hätte mich genauso gefreut, wenn Trixi gewonnen hätte.“

Weil ihr Sieg live in der ARD übertragen wurde, erhofft sich Judith Arndt nun einen „Schub für den Frauen-Radsport“. Aufmerksam war die breite Öffentlichkeit auf die erfolgreichste deutsche Radrennfahrerin der vergangenen Jahre erst geworden, nachdem sie in Athen auf ihr Olympiasilber mit gestrecktem Mittelfinger reagiert hatte. Die Geste galt der eigenen Verbandsführung, die Arndts Lebensgefährtin Petra Roßner einen Olympiastart verweigert hatte. Hat sie nun Frieden mit dem Verband geschlossen? Langes Schweigen, breites Grinsen, dann ironisches „Ja“. Aber zu viel sollten die Funktionäre nicht erwarten. Judith Arndt sagt: „ Ich werde so bleiben, wie ich bin.“

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