Sport : Die Fußballfirma hat Geburtstag (Kommentar)

Helmut Schümann

Ach, es waren einfache, klare Zeiten in den siebziger Jahren, als die Feindbilder deutlich waren und die guten Menschen aus Mönchengladbach kamen. Als die Stimmung des Landes in die Fußballstadien getragen wurde und dort im Spiel ihre Entsprechung fand. Da waren die Borussen aus Mönchengladbach, die mit ihren Räume (und Welten) öffnenden Pässen Visionen zelebrierten. Und da waren die Bayern vom FC, die keine Experimente wagten, die böse waren bis ins Mark, weil durch und durch kapitalistisch.

Es funktionierte dann noch ein paar Jahre weiter, dieses ideologische Fußballspielchen: Die da unten im Süden waren immer die da oben, und der Rest der Republik waren wir da unten. Und wenn, manchmal, ganz selten, der bajuwarischen Bourgeoisie per Torschuss ein klassenkämpferisches Schnippchen geschlagen wurde, ja, dann quollen die Herzen über vor rechtschaffener Freude.

Und heute? Heute ist die proletarische Herkunft nur noch folkloristisches Beiwerk, haben die Malocherklubs ihren Manchester-Kapitalismus gelernt und fallen alt-linke Soziologen in schwartendicken Büchern vor den Münchnern auf die Knie. Der Hass auf die Bayern, einer der wenigen stabilen Klammern der deutschen Linken, ist verpufft (und wird nur noch in versprengten Anarchozirkeln als schick gepflegt, wo voller Inbrunst mit den Toten Hosen vom "Scheiß-Verein" gegrölt wird).

Nur die Münchner Bayern, die haben sich nicht geändert. Die feiern an diesem Wochenende ihr hundertstes Stiftungsfest und stehen strahlender da, als je zuvor. Ihr Kapitalismus heißt heute Neo-Liberalismus und in dessen Namen kaufen sie an Spielern immer noch alles auf, was ihnen gut erscheint und teuer ist. Immer noch bestimmen sie das Geschehen, sei es auf dem Spielfeld, sei es auf dem Feld der Administration oder des Managements. Und immer noch eilen sie von Erfolg zu Erfolg.

Ob man das will oder nicht: Die Ideologie FC Bayern hat überlebt. Der Pragmatismus, wonach nicht schön sein muss, was Triumph zeitigt, hat gewonnen. Die meisten wollen das, Siegen ohne Überbau. Die Münchner vereinen die meisten Fans hinter sich. Das heißt, Fans im klassischen Sinne sind es nicht, die da mehrfach in der Woche den Bayern zujubeln. Man ist eben in den seltensten Fällen Bayern-Fan wie man Hertha-Fan ist oder auf Schalke steht. Mehr als zwei Drittel der Bayern-Anhängerschaft sind keine Münchner. Sie reisen aus ganz Bayern an, aus den neuen Bundesländern und sitzen in Kiel oder in Berlin oder im Rheinland vor dem Fernseher. Aus lokalpatriotischen Gründen vergießen sie also kein Herzblut. Warum dann, warum bloß?

Weil der FC Bayern München siegreich ist, weil ihm fast alles gelingt, was er anpackt. Die kleineren Ausrutscher dabei, wie die Niederlage im Champions League-Finale, sind lässlich und wurden angestoßen von einem Klub, Manchester United, der noch bayerischer ist als der FC Bayern. Unterm Strich bleibt dennoch: Die Münchner stehen seit über 30 Jahren an der Spitze, hier zu Lande sowieso, in Europa spielen sie zumindest mit um den Gipfel. Es ist wohl die Sehnsucht nach dem Besten, die ihre Anhängerschaft eint.

Dass es nicht blinde Liebe ist, die ihm zufällt, hat der Klub, und darin sein Denker und Lenker Uli Hoeneß, früh begriffen und eine vorsorgliche Alternative geschaffen. So wurde dieser Fußballverein zur Marke. Wie Mercedes für deutsche Autos und Bayer für deutsche Pharmazie steht, so steht FC Bayern für deutschen Fußball. Die Marke ist besetzt mit Zielen, die wir alle gerne erreichten: Reichtum, Erfolg, Spaß.

Über den Spaß kriegen sie sie alle. Der FC Hollywood ist immer für Unterhaltung gut. Weswegen in der Anhängerschar eine Niederlage auch nicht so schwer wiegt, wie anderenorts. Verspricht sie doch anschließend tagelangen Zirkus aus München. Das ist kein Zufall, dass sich die Bayern immer wieder Reizfiguren in die Mannschaft holen, dass sie nach den Effenbergs und den Baslers suchen und sie allen Unkenrufen zum Trotz einbauen. Sie sind es, die die Brüche schaffen, ohne die das Prinzip FC Bayern nicht funktionieren würde.

Mal blitzt genialisches Spiel in den öden Minimalismus, mal zerkratzt Rüpelhaftigkeit das sonst allzu glatt werdende Bild. Nicht zu viel, alles im Rahmen. Wenn die Pöbeleien von Mario Basler die Ebene der Attitüde verlassen, wenn er in der Echt-Welt zockt und säuft und sich prügelt, dann muss er weg. Weil der Verein ja ansonsten in dessen Fehlverhalten eine Fläche für allzu viel Identifikation bieten würde.

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