Sport : "Die ganze Saison ist Umbruch"

Herr Hoeneß[Sie haben ein sehr gutes Verh&a]

Der Manager über die Entwicklung bei Hertha BSC, den Vorsprung des FC Bayern und den Traum vom Titel

Dieter Hoeness (47) spielte in der Bundesliga für den VfB Stuttgart und Bayern München. Der frühere Nationalspieler (sechs Länderspiele) ist seit 1996 Manager von Hertha BSC.

Herr Hoeneß, Sie haben ein sehr gutes Verhältnis zur Mannschaft - aber manchmal werden Sie auch laut.

Absolut! Das letzte Mal vor drei Wochen, ein paar Tage vor dem Spiel gegen Schalke. Ich nehme es mir mal ganz gern raus, ein Nebenthema mal kurz zum Hauptkriegsschauplatz zu erklären.

Damals waren aus der Mannschaft ein paar interessante Geschichten über Alex Alves einer Boulevardzeitung zugespielt worden.

Der Alex war teuer, für Berliner Verhältnisse. Bei den Bayern ist ein solcher Preis normal, weil der Elber so viel gekostet hat, der 17-jährige Santa Cruz auch noch über zehn Millionen. Bei uns ist es was besonderes. Für die Presse war doch der Alves, als er kam, auch was ganz Besonderes. Warum sollen die Spieler damit anders umgehen?

Sehr verständnisvoll.

Ich verstehe die Probleme menschlich. Trotzdem kann ich gewisse Dinge nicht akzeptieren. Wenn wir vorwärts kommen wollen, dann müssen wir auch ein angemessenes Maß an Toleranz zeigen.

Was meinen Sie damit?

Es kann nicht sein, dass sich Spieler nur noch damit beschäftigt, ob einer im Mannschaftsbus telefoniert. Das ist intolerant. Im höchsten Maße. Alex kennt unsere Mentalität nicht, er muss noch lernen, wie man hier mit bestimmten Dingen umgeht. Er kann sich noch nicht so mitteilen, weil er die Sprache nicht beherrscht. Jeder, der sich darüber aufregt, soll mal daran denken, wie es wäre, wenn er mal ohne Sprachkenntnisse ins Ausland ginge. Das wichtigste war mir bei meiner Ansprache aber, dass wir endlich aufhören, über Kinderkram zu reden.

Das große Thema ist der Umbruch.

Die ganze Saison ist Umbruch. Der ist ja nicht plötzlich über uns hineingebrochen. Wir haben ihn bewusst gesteuert. Sicherlich geht ein Generationswechsel damit einher.

Der für allerlei öffentlichen Ärger sorgte.

Ich weiß, was Sie meinen, die Trennung von Kjetil Rekdal. Kein Mensch hat ihm damals gesagt, dass er mit der Mülltüte weglaufen soll. Das ist doch das Bild, das in der Öffentlichkeit ein bisschen schlecht rüberkam.

Rekdal ist kein Einzelfall, einmal abgesehen von der Mülltüte.

Wir haben die Verträge von jungen Spielern verlängert, deren Potenziale noch nicht ausgeschöpft sind. Wir zögern natürlich bei Spielern, die ihren Zenit erreicht haben.

Das sehen die Betroffenen anders.

Einen Umbruch vollzieht man nicht reibungslos. Umbruch heißt, einem Kjetil Rekdal, der sehr wohl Verdienste um Hertha BSC hat, sagen zu müssen: Pass mal auf, für dich geht es nicht weiter. Uns wurde von vielen Fachleuten bestätigt, dass wir den notwendigen, aber nicht ganz unproblematischen Schritt sehr stilvoll gelöst haben.

Seitdem Rekdal weg ist, haben Sie ein Problem: Es fehlt ein Chef auf dem Platz.

Sagen Sie mir mal einen richtigen Chef in der Bundesliga. Ich kenne nur zwei: Effenberg und Emerson, und die spielen in München und Leverkusen.

Aber das sind doch die Vereine, mit denen Sie sich jetzt vergleichen lassen müssen.

Meinen Sie das wirklich?

Wie dürfen wir denn diese Frage verstehen - wollen Sie nicht Deutscher Meister werden?

Ja, aber bitte in zehn Jahren. Doch nicht von heute auf morgen. Wie stellt ihr euch das vor? Das ist ein Irrsinn, so zu denken. Genau dadurch entsteht entsteht ja auch das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Kaufen Sie doch den Effenberg.

Einen Effenberg können wir uns jetzt noch gar nicht erlauben. Der FC Bayern ist der einzige Verein, der dazu in der Lage ist, so einen Mann in den Griff zu kriegen.

Was ist mit Dick van Burik?

Dick hat sicherlich das Potenzial, ein Führungsspieler zu werden, aber auch er muss sich dahin entwickeln. Wir haben noch nicht den Protagonisten, aber wir haben vielleicht drei, vier Spieler, die eine Führungscrew ausmachen können. Die Leverkusener haben über viele Jahre viel investiert in die Mannschaft, die sie jetzt haben. Den Emerson haben sie auch nicht als Chef gekauft, der hat erst mal ein halbes Jahr gebraucht, um Stammspieler zu werden. Aber: Ein Chef alleine macht nicht den Unterschied.

Wer oder was denn sonst?

Wir brauchen ein Winnermentalität und ein stark entwickeltes Selbstbewusstsein, das aber nicht in Selbstgefälligkeit und Arroganz umschlägt. Die Shcwirigkeit besteht darin, die Abgrenzung zu finden. Ich kann Ihnen heute schon sagen: Sollten wir in dieser Saison einen internationalen Wettbewerb erreichen, ist das eine wesentlich größere Leistung als der dritte Platz im vergangenen Jahr. Es ist schwer genug, nach oben zu kommen. Noch schwerer ist es, oben zu bleiben.

Zwischen diesen Extremen gibt es auch Zwischenstufen. Kann so etwas wie in Dortmund auch bei Hertha passieren?

Nein, denn wir stellen uns rechtzeitig dem Umbruch. Dortmund hat nach dem Champions-League-Sieg diesen Schnitt nicht gemacht. Und das ist ja auch menschlich verständlich. Man empfindet eine gewisse Dankbarkeit den Leuten gegenüber, die einem den Erfolg gebracht haben. Aber man muss immer wieder ganz genau hinschauen und fragen: Bringt der uns noch weiter?

Dann muss man einen Schnitt machen.

Das hört sich sehr technisch an. Es geht ja immer noch um einen Menschen, dem der Verein etwas zu verdanken hat, aber auch umgekehrt. Das gilt für jeden, ob das Mandreko ist, Thom, Herzog oder Veit. Letztlich geht es um die Leistung.

Wirklich nur?

Ja. Sehen Sie, wenn sich Hertha BSC nicht verbessert, dann laufen uns bestimmte Spieler weg. Man muss das immer von zwei Seiten sehen. Nicht nur die Leistung des Spielers steht auf dem Prüfstand. Was meinen Sie, wenn Hertha BSC absteigt, wie viele Leute bei mir auf der Matte stehen und die sagen, Ihr seid zwar alles nette Menschen hier, aber ich komme hier nicht weiter, ich will weg. Deswegen müssen wir uns ständig weiterentwickeln.

Wie hat sich Hertha denn bisher entwickelt?

Wir haben eine ganz schwere Saison. Aber wir haben nur einen Punkt Rückstand auf einen Champions-League-Platz. Wenn wir Vierter werden sollten, dann übertreffen wir alle Erwartungen, sicher nicht die derer, die in uns den neuen Meister sahen. Wir wussten ja, was auf uns zukommt.

Was denn?

Die Euphorie, die uns durch das vergangene Jahr trug, hat natürlich auch Schattenseiten. Aus dieser Euphorie entstehen Erwartungen und Begehrlichkeiten. Ich nehme es keinem Fan übel, dass er davon träumt, dass wir mal Deutscher Meister werden. Unsere Aufgabe ist es, zu reklamieren, dass wir Zeit brauchen, um so etwas wachsen zu lassen. Den Traum wollen wir schon aufrechterhalten.

Was fehlt denn noch?

Ich weiß, welchen Vorsprung Bayern München hat. Der ist unglaublich. Das hat in erster Linie mit einer Siegesmentalität zu tun. Das ist die große Stärke der Bayern, dass sie immer wieder verstanden haben, den eigenen Anspruch so hoch zu legen, dass ein hoher interner Druck herrscht, dem sie jedes Jahr erneut gewachsen sind.

Der FC Bayern hat aber auch viel fußballerische Kompetenz im Verein. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karlheinz Rummenigge.

Soll ich Ihnen mal was sagen? In den achtziger Jahren waren die Bayern erfolgreicher als heute. Wir waren fünf Mal Meister, drei Mal Pokalsieger und standen in zwei Finals des Europapokals der Landesmeister. Damals war der Uli war der einzige, der fußballerische Kompetenz in der Vereinsführung hatte. Natürlich war es für die Bayern ein Glücksfall, dass der Beckenbauer Präsident wurde und Rummenigge Vize.

Bei Hertha BSC gibt es nur einen Fußballfachmann im Präsidium: Dieter Hoeneß.

Es wäre doch falsch, Dinge kopieren zu wollen, nur weil sie woanders erfolgreich sind. Es spricht ja nichts dagegen, wenn sich einer anbietet, aber das muss Sinn machen. Günter Netzer wäre ideal gewesen, und wenn ein Matthias Sammer bei Hertha BSC mitarbeiten will - dann machen wir das sofort. Aber das wird wohl nicht möglich sein bei der jetzigen Entwicklung in Dortmund.

Paul Breitner hat öffentlich angedeutet, er wäre bereit für Berlin.

Ach, der Paul, der ist dort, wo er jetzt arbeitet, sehr gut aufgehoben: bei Sat 1 ohne die Verantwortung die Ferndiagnose zu stellen. Das Gespräch führten Frank Bachner, Sven Goldmann und Michael Rosentritt

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