Sport : Die Geburt des Künstlers

Starcoach Nikolajew formt den Eiskunstläufer Stefan Lindemann

Frank Bachner

Ilona Schindler beugte sich nach links und sagte etwas, das wie ein Stoßseufzer klang: „Ach, Lindi.“ Eigentlich hatte sie es mehr gemurmelt, aber eine Fernsehkamera war auf sie gerichtet und Mikrofone, deshalb hörten es alle. Der Eiskunstlauf-Trainerin Schindler dürfte das ziemlich egal gewesen sein. Denn neben ihr auf der Tribüne der Eislaufhalle in Budapest saß im Trainingsanzug Stefan Lindemann, ihr Athlet, und dieser Lindemann darf zur Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Dortmund. Das stand nun fest, denn bei der Eiskunstlauf-Europameisterschaft war gerade Andrejs Vlascenko gelaufen, der Münchner, der Lindemann diesen Platz hätte streitig machen können. Aber Vlascenko traute sich nicht an den vierfachen Toeloop, er sprang den Axel nicht dreifach, sondern nur einfach, er landete in der Kür deshalb auch nur auf dem siebten Platz. Lindemann hatte den vierfachen Toeloop nicht gestanden, aber er hatte die anderen Sprünge beherrscht, das war entscheidend. Am Ende war er Fünfter, bester Deutscher also, das einzige deutsche WM-Ticket bei den Männern ging damit an ihn.

Lindemann bei der WM, das ist die Geschichte eines Mannes, der endlich wieder Anerkennung spürt. Im Frühjahr 2003 wollte er noch aufhören. Alle hatten an ihm, dem 1,63 m großen Athleten gemäkelt, jahrelang. Die Preisrichter, die Funktionäre der Deutschen Eislauf- Union (DEU), die Journalisten. Zu klein, zu rotwangig, zu bieder im Ausdruck, um wirklich als Künstler auf Kufen zu wirken. Das waren die Vorwürfe. Junioren-Weltmeister 2000, Deutscher Meister 2000 und 2002, Deutsche Vizemeister 2003. Das waren die Erfolge – für die Statistik. Wirklich Anerkennung brachten sie ihm kaum. Er blieb in der Rolle des sprunggewaltigen Biedermanns. „Eigentlich wollte ich 2003 nach der Erfurt-Gala aufhören“, sagte er. Der Zeitpunkt wäre ein Geschenk an sich selbst gewesen. In Erfurt hätte er sicher warmen Applaus erhalten. Da hätten sie ihn gewürdigt. Lindemann lebt in Erfurt.

Der 23-Jährige gab dann aber nicht auf, arbeitete hart an seinem Ausdruck und traf auf Valentin Nikolajew. Das war sein Glück. Der ukrainische Spitzentrainer machte Lehrgänge mit DEU-Athleten, den vorerst letzten im Dezember 2003, und Lindemann profitierte enorm von dem Wissen des Starcoachs. „Er hat uns viele Tricks verraten“, sagt Lindemann. Nikolajew zeigte ihnen, wie man Phasen übersteht, in denen man kaum noch Luft bekommt. Der Ukrainer kommandierte vor Übungen schlicht: „Ihr müsst die Luft anhalten.“ Bei seinem Kurzprogramm durfte Lindemann nur nach jeweils 15 Sekunden einmal atmen. „Am zweiten Tag habe ich gedacht, dass gar nichts mehr geht“, sagt Lindemann. Aber auch dank Nikolajew war Lindemann der erste deutsche Eiskunstläufer, der im Wettkampf einen vierfachen Sprung stand. Im EM-Kurzprogramm zeigte der Erfurter den vierfachen Toeloop.

Gelöst ist für Lindemann auch noch ein anderes Problem. Andrejs Vlascenko fällt in Zukunft als Rivale aus. Der 29-Jährige hört nach dieser Saison auf.

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