Sport : Die Gefährdung des Mia san mia

Daniel Pontzen

Es gibt einen Charakterzug, bei dessen Beschreibung versagt der deutsche Sprachschatz. Erhaben, stolz, dünkelhaft sind Begriffe, die ihm nahe kommen, doch wirklich treffend formuliert diese Daseinsform einzig der Name eines Fußballvereins: FC Bayern München. Gewonnene Spiele, und die meisten seiner Spiele gewinnt der FC Bayern, dunsten diese unzerstörbare Selbstgewissheit aus, die auch bei Vereinsbanketten und Pressekonferenzen durch den Raum wabert.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Nach dem 3:3 gegen Wolfsburg wich die vereinseigene Tugend bei den Vertretern der Münchner Erfolgsgemeinschaft einer befremdenden Bescheidenheit. "Wir sind in einem Tief", sprach Ersatzkapitän Giovane Elber stellvertretend das Unvermeidliche aus. Als Zugabe richtete der genesene Mehmet Scholl gleich noch eine Wertschätzung an den Widersacher aus dem Westen, der im Bewertungsraster des FC Bayern nie über den Rang des artigen, weil nicht allzu ernst zu nehmenden Verfolgers hinaus gekommen war: "Leverkusen ist sehr stark in diesem Jahr, die gewinnen alle ihre Spiele. Da müssen wir auch hinkommen." Bisher gingen die Bayern mit Komplimenten für Bayer in etwa so großzügig um wie Oliver Kahn mit seinem Lächeln - dass man sich nun ausgerechnet vom Blick auf den ungeschätzten Konkurrenten eine Orientierungshilfe erhofft, lässt das Ausmaß der Münchner Bewusstseinsspaltung erkennen.

Die Gründe lassen sich zählen. Seit vier Spielen wartet der Champions-League-Sieger auf einen Erfolg in der Bundesliga; sechs Punkte fehlen zum Spitzenreiter Leverkusen. Platz vier hat die Tabelle reserviert für München. Igitt-Platz vier, der ist nicht vorgesehen in München. Dabei war die Verlängerung der entsagungsvollen Zeit durchaus vermeidbar. "Nach dem 2:0 haben wir uns zurückgezogen und nur noch zugeschaut - das ist zu wenig für den FC Bayern", sagte Giovane Elber leicht zerknirscht, und sein Trainer ergänzte, man hätte "nach der frühen Führung konzentrierter weiterspielen müssen, um das 3:0 nachzulegen. Dann wäre die Partie für uns entschieden gewesen." Stattdessen stellten die Hausherren urplötzlich ihre Angriffsbemühungen ein, kassierten noch den 2:2-Ausgleich und konnten auch eine erneute Führung nicht halten.

Kräfteverschleiß auf der vorweihnachtlichen Zielgeraden? "Dass man bei den hohen Belastungen der letzten Wochen mal in ein Tief kommt, ist doch normal", sagte der verletzte Oliver Kahn, "die letzten vierzehn Tage mit den Spielen gegen Bremen, Manchester United, Nürnberg und in Tokio - so etwas habe ich noch nie erlebt. Das war vom psychisch Machbaren her schon im absoluten Grenzbereich." Auch körperlich scheint der Rekordmeister die letzten Reserven angeknappst zu haben, vor allem der Abwehr fehlte gegen den Wolfsburger Drei-Mann-Sturm jede Spritzigkeit, wie die beiden Treffer Tomislav Marics offenbarten. Drei Gegentore in einem Spiel - zuvor hatte sich die Verteidigung mit gerade sieben in 15 Spielen einen Platz in der ewigen Bundesliga-Chronik gesichert.

Doch an der Abwehr allein, betonte Hitzfeld, habe es nicht gelegen: "Wir haben vor allem im defensiven Mittelfeld zu viele Fehler gemacht." Aus Gründen der Diskretion verzichtete er auf einen direkten Tadel an den Hauptschuldigen. Pablo Thiam, zuletzt im September in der Startelf bei einer Bundesliga-Partie, fügte sich mit mäßigem Erfolg ins Spiel der Bayern ein. Untertourig läuft zudem das Offensivspiel. "Ich war heute zu sehr mit mir selbst beschäftigt", beichtete der nach viermonatiger Verletzungspause erstmals von Beginn an eingesetzte Mehmet Scholl, "als dass ich im Mittelfeld große Akzente hätte setzen können oder meine Mitspieler unterstützen konnte." Und nach dem zuletzt missratenen Integrationsversuch Effenbergs weiß derzeit keiner so recht, ob dessen baldige Einsatzfähigkeit eher als Hilfe denn als Bedrohung zu verstehen ist.

Drei Gelegenheiten bleiben den Bayern, das aus den Fugen geratene Selbstbild vor der Winterpause zu richten: in Rostock, gegen Mönchengladbach, im Pokal beim VfL Osnabrück. "Sehr wichtige Spiele", sagt Präsident Franz Beckenbauer mit gestrengem Unterton. Überraschend ist die Einschätzung nicht. Die Inkarnation des Mia san mia würde sich am wenigsten mit einem neuen Selbstverständnis des FC Bayern anfreunden können.

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