Sport : Die Generationen-Kluft

Die deutsche Leichtathletik leidet darunter, dass zu wenig erfolgreiche Talente zur Weltklasse reifen

Frank Bachner

Berlin - Am Dienstag hätte Jörn Elberding „noch keinen Pfifferling auf Björn Otto gesetzt“. Der Stabhochspringer Otto kam nicht auf Höhe. Aber später absolvierte der Trainer Elberding mit Otto noch eine Technikeinheit. Und seither „traue ich Björn zu, dass er das Olympia-Ticket holt“. Otto also auch noch, das ist dann der sechste Olympia-Kandidat bei den deutschen Stabhochspringern. Vier haben die Olympia-Norm schon erreicht, Lars Börgeling, Tim Lobinger, Richard Spiegelburg und Danny Ecker. Neben Otto könnte bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Braunschweig an diesem Wochenende auch noch Michael Stolle dazukommen. Dem traut Elbering auch viel zu. Der Stabhochsprung der Männer wird also zu einem der Highlights der Meisterschaften. Denn nur die ersten drei (sofern sie die Norm erfüllt haben) dürfen nach Athen.

Es gibt ja mehrere Highlights. Das Speerwerfen der Männer (sechs Normerfüller), das Diskuswerfen der Männer (vier), das Hammerwerfen der Frauen (vier). 71 Athleten insgesamt haben die Norm bisher erfüllt. Aber diese Zahl sagt ja nicht allzu viel aus. Sie sagt zum Beispiel wenig über die Medaillenchancen für Athen aus. Und echte Medaillenkandidaten sind rar. Boris Henry und Steffi Nerius (jeweils Speerwerfen) oder Andreas Erm, der Geher. Sie alle haben bei der WM 2003 Bronze gewonnen. Oder Ingo Schultz, 400-m-Europameister von 2002. Und natürlich einer der Stabhochspringer. Aber sonst? Sonst gibt es viele Fragezeichen. Astrid Kumbernuss (Kugelstoßen), Franka Dietzsch (Diskus), Daniela Rath (Hochsprung), sie alle sind entweder nicht in Bestform oder sogar angeschlagen. Und Annika Becker, Vize-Weltmeisterin von 2003 im Stabhochsprung, und Nils Schumann, 2000 Olympiasieger über 800 m, fahren erst gar nicht nach Athen.

Eine neue Pleite also? Beweis der tiefen Krise der deutschen Leichtathletik? Bei der WM 2003 in Paris gewannen die Deutschen nur vier Medaillen, das galt bei vielen Beobachtern als „Katastrophe“. Streng auf die WM bezogen, stimmt das, bezogen auf die Situation der deutschen Leichtathletik, ist „Katastrophe“ überzogen. In Paris haben potenzielle Medaillenkandidaten verletzt gefehlt, andere Routiniers wie Franka Dietzsch haben schlicht versagt.

Klar ist allerdings auch, dass es seit Jahren nicht gelingt, Talente aus dem Juniorenbereich erfolgreich in den Aktivenbereich zu führen. Dennis Leyckes wurde 2000 Junioren-Weltmeister im Zehnkampf, 2004 dümpelt er bei 8172 Punkten. Katchi Habel rannte 2000 bei der Junioren-WM mit 11,39 Sekunden zu Silber. Saisonbestleistung 2004: 11,62. Von den 71 Athleten, die die Norm erfüllt haben, sind nur 19 jünger als 25 Jahre. Aber 14 älter als 30 Jahre.

Woran liegt das? Und vor allem: Wie kann man das ändern? Kaum etwas beschäftigt den deutschen Verband mehr als diese Fragen. Aber vielleicht kommen die Fachleute deshalb einer Antwort nicht wirklich näher, weil es keine klaren Antworten gibt. Für Jörn Elberding hat diese Entwicklung viel mit schulischen oder gesellschaftlichen Faktoren zu tun. Fabian Schulze zum Beispiel, der 19-jährige Stabhochspringer, hat schon 5,50 m überquert. Aber er absolviert gerade eine Ausbildung bei einem großen Konzern, „er hat große Probleme, freigestellt zu werden“, sagt Elberding. „Er muss fürs Trainingslager Urlaub nehmen und unter der Woche kaum zu Wettkämpfen fahren.“ Schulze kann „groß rauskommen“, sagt Elberding. „Aber es hängt davon ab,ob er sich auf Sport oder Job konzentriert.“ Die Bundeswehr biete zudem nicht mehr die gewohnte Ausweichmöglichkeit. Für Leichtathleten gibt es in den Sportkompanien nur noch 50 Plätze. Früher waren es 80. Und wenn der Biologiestudent Otto Klausuren verschieben will, „geht das nicht“. Und überhaupt: Wo sollen die Talente her kommen? Die Kids hingen doch vor allem vor dem Computer. Er hatte mal Talentsichtung in einem Gymnasium, fünfte Klasse, betrieben. „Von 25 Kindern konnten gerademal fünf eine Rolle rückwärts.“

Andererseits hatte Uwe Hakus, der Bundestrainer Sprint, vor kurzem keine Probleme, „drei Talente an ihrer Schule zur Vorbereitung auf die Junioren-WM freistellen zu lassen“. Und Florian Schwarthoff „wurde Olympiadritter im Hürdensprint, obwohl er sein Architekturstudium fast ohne Unterbrechung durchzog“. Hakus hätte freilich gerne Zentren, an denen Bundestrainer und die besten Athleten einer Disziplin arbeiten. Aber da stößt er auf Widerstand von Landesverbänden und diversen Athleten.

Doch ein paar Hoffnungsträger gibt es ja trotzdem. Stephan Steding zum Beispiel. Speerwerfer Steding ist erst 22, er hat mit 82,13 m die Norm übertroffen. „Der Stephan hat enormes Potenzial“, sagt Peter Esenwein. Aber natürlich ist er besser. Er führt die deutsche Rangliste an, mit 87,20 m. Das passt ins Bild. Esenwein ist 36.

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