Sport : Die Gespenster kehren zurück

Hertha in Not: Fans bedrängen die Spieler, Trainer Skibbe muss gehen, und die Kritik an Preetz wächst.

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Dunkler Aufzug. Etwa 200 Fans machten sich am Sonntagmorgen auf den Weg zum Trainingsgelände des Klubs. Foto: Matthias Koch
Dunkler Aufzug. Etwa 200 Fans machten sich am Sonntagmorgen auf den Weg zum Trainingsgelände des Klubs. Foto: Matthias KochFoto: Matthias Koch

Berlin - Es ist kurz nach halb elf an diesem sonnigen Wintermorgen, als das Schlimmste zu befürchten ist. Sieben Spieler von Hertha BSC in ihren grauen Trainingsanzügen stehen einem schwarzen Block gegenüber, in ihrem Rücken die geschlossenen Türen zum Haus des Deutschen Sports. Einen Fluchtweg gibt es nicht. Worte fliegen hin und her. „Verpiss dich!“, empfiehlt jemand Änis Ben-Hatira. „Verpiss dich nach Hamburg!“ Doch Ben-Hatira, der am Tag zuvor beim 0:5 in Stuttgart nicht einmal im Kader gestanden hat, ist nicht der Typ, der in solchen Momenten einfach den Mund hält; und so schaukelt sich die Stimmung hoch bis gefährlich nahe an den kritischen Punkt.

Eine knappe Stunde später wird Herthas Kapitän Andre Mijatovic sagen: „Die Fans haben alles Recht, sauer zu sein.“ Dazwischen liegt eine Aussprache zwischen 15 Spielern und rund 200 Fans, die sich am Morgen Zugang zu Herthas Gelände verschafft haben. Um zehn Uhr waren die Ultras am U-Bahnhof Olympiastadion losmarschiert, in breiter Front die Hanns-Braun-Straße hinauf, auf die geschlossene Schranke des Olympiageländes zu. Ein Wachschützer stellt sich ihnen in den Weg, erkennt aber schnell die Aussichtlosigkeit des Unterfangens. Schweigend schiebt sich die Masse an ihm vorbei, schwenkt Richtung Kabine. Genau in diesem Moment macht sich die Mannschaft auf den Weg zum Auslaufen – die Anhänger kommen zu spät.

Es ist ein gespenstischer Auftritt, der sich in die gespenstische Gesamtsituation bei Hertha fügt. Als die Fans Einlass begehren, hat Michael Skibbe das Gelände bereits verlassen – und er wird auch nicht mehr wiederkehren. Nach nur 52 Tagen wurden Herthas Trainer und sein Assistent Edwin Boekamp am Morgen mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Herthas Jugendtrainer René Tretschok (U 19) und Ante Covic (U 15) werden die Mannschaft ab Dienstag betreuen, allerdings nur interimsmäßig, bis Manager Michael Preetz einen neuen Mann gefunden hat.

Skibbe verabschiedete sich gestern noch von der Mannschaft, danach war seine Ära, die erst gar keine wurde, schon wieder beendet. In der langen Geschichte der Fußball-Bundesliga verloren nur drei Trainer ihren Job noch schneller als Skibbe. „Ich bedaure das“, sagt Preetz. „Aber die Art und Weise der Niederlage in Stuttgart hat uns zum Handeln gezwungen.“ Schon zur Pause lag Hertha 0:4 zurück, nach einer Halbzeit, die Skibbe als die schlimmste empfand, „die ich je als Trainer erlebt habe“. Natürlich stellte sich nach diesem Debakel die Frage nach seiner Verantwortung. Zumal Hertha auch die anderen vier Pflichtspiele unter Skibbe verloren hat, mit ihm aus dem Pokal ausgeschieden und in der Tabelle von Platz elf auf fünfzehn zurückgefallen ist.

„Ich übernehme die Verantwortung, dass wir leider nicht den erhofften Erfolg gehabt haben“, sagt Preetz. „Aber es ist auch meine Verantwortung, dass ich den Kurs an einem Punkt, wo es nicht mehr weitergeht, korrigiere.“ Seit Sommer 2009 ist Preetz als Nachfolger von Dieter Hoeneß für die sportlichen Belange bei Hertha zuständig. In diesen nicht einmal drei Jahren haben – ohne die Interimslösungen Karsten Heine und René Tretschok – vier Trainer für den Klub gearbeitet. In Kürze soll der fünfte folgen.

In der Abstiegssaison vor zwei Jahren hat Preetz bis zuletzt an Trainer Friedhelm Funkel festgehalten. Dass er jetzt so schnell reagiert hat, hängt auch mit dieser Vorgeschichte zusammen, selbst wenn Preetz dem widerspricht. „Es geht um Überzeugungen“, sagt er. Mit anderen Worten: Bei Funkel war er überzeugt, dass er Hertha retten kann; bei Skibbe ist er das schon nach sechs Wochen nicht mehr. Auch in der Mannschaft scheint sich die Trauer in Grenzen zu halten. „Das ist eine normale Reaktion“, sagt Kapitän Mijatovic über Skibbes Entlassung. Echtes Bedauern hört sich anders an.

Doch auch für Preetz ist die Sache noch nicht ausgestanden, unabhängig davon, ob die Mannschaft den Klassenerhalt schafft oder nicht. Die Personalien Funkel und Skibbe zeugten weder von überbordender Kenntnis der Branche noch von einer stringenten Strategie. Im Präsidium wächst die Kritik an Preetz, der im großen Vorsitzenden Werner Gegenbauer jedoch einen mächtigen Fürsprecher an seiner Seite hat – zumindest war es bisher so.

Vizepräsident Jörg Thomas hat nach Informationen des Tagesspiegels bei Gegenbauer die Einberufung einer außerordentlichen Präsidiumssitzung beantragt, die noch vor der turnusmäßigen Sitzung am Mittwoch und satzungsgemäß ohne die Geschäftsführer Preetz und Ingo Schiller stattfinden müsste. Preetz hat Skibbes Anstellung weitgehend im Alleingang betrieben, in seine Entlassung, so sagt er, sei das Präsidium involviert gewesen; die Entscheidung habe er „in enger Rücksprache mit den Gremien“ getroffen. Dem Tagesspiegel aber ist ein Präsidiumsmitglied bekannt, das von der Beurlaubung des Cheftrainers aus Herthas Internetforum erfahren hat, also weder informiert geschweige denn gefragt worden war.

Der Verein scheint längst in seiner eigenen Realität zu leben. So wird auch der Auftritt der Ultras zu einem geselligen Beisammensein umgedeutet, die erzwungene Aussprache im Adlersaal offiziell als Dialog deklariert, „damit hier keine falsche Botschaft in die Republik gesendet wird“, wie Herthas Pressesprecher explizit verkündet. Im Unterschied zu ihm haben die Journalisten den Aufmarsch der Ultras jedoch mit eigenen Augen gesehen. Nur bei der halbstündigen Aussprache waren auf Anordnung der Fans keine Medien zugelassen. Nach der Zusammenkunft wurde ein Journalist von einer etwa 30-köpfigen Gruppe beschimpft und bedroht, einem anderen wurde der Notizblock aus der Hand gerissen und entwendet. Dafür hatte sich das Verhältnis zu den Spielern wieder entspannt. „Es hat Gespräche in vernünftiger Atmosphäre gegeben, vor allem gewaltfrei“, sagte Preetz. So ist es ihm berichtet worden. In den zweieinhalb Stunden, in denen die Fans am Sonntag über das Gelände streunerten, blieb Michael Preetz in seinem Büro.

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