Sport : "Die glaubten, auf dem Fuji wächst Ananas"

MARTIN HÄGELE

Japans Skiheld Chihara Igaya erzählt: In Japan sind die Winter anders / Olympia-Serie Teil 1VON MARTIN HÄGELEChihara Igaya hat einen großen Traum.Und er weiß, daß er seinen Traum bis ein paar Stunden vor der Schlußfeier der Olympischen Spiele mit sich herumtragen muß."Auch wenn Sie mich für verrückt halten", sagt der 66jährige und lächelt dabei, als wolle er sich entschuldigen für soviel Sehnsucht, "aber ich träume davon, daß ich einem japanischen Alpinen die Goldmedaille im Slalom umhängen kann." Man muß kein Psychologe sein, um aus den Erscheinungen des älteren Herrn dessen Lebenswunsch zu lesen.42 Jahre nach den Spielen von Cortina möchte Igaya nachempfinden, wie er damals für die Ski-Sensation gesorgt hatte.Nur die Legende Toni Sailer war schneller zwischen den Stangen.Igaya gewann als erster Japaner bei Winterspielen eine Medaille.Damit wurde er in seinem Heimatland zum Star.Niemand hatte mit so einem Erfolg gerechnet. Der berühmteste Skifahrer Japans, der später ein erfolgreicher Manager wurde und als IOC-Mitglied zum prominentesten Sportfunktionär seiner Heimat aufstieg, wird in diesen Tagen mit seiner sportlichen Vergangenheit konfrontiert.Im Fernsehen erleben Nippons Ski-Pioniere ihre Renaissance.Kunio und Sadako Ogaya sind zwar vor ein paar Jahren gestorben, doch ihr Leben und das ihres Sohnes Chihara ist nun eines der großen Motive um die Spiele in Nagano.Die märchenhafte Story der Igaya-Familie, die von dem österreichischen Major Reich und dessen Bretter-Sport total infiziert worden war.Im Winter 1914. Von da an zogen sie durch die Gegend.Auch in den Kriegen.Ihr Weg führte sie bis ins heutige Rußland, immer auf der Suche nach Bergen und Schnee.Sadako Igaya wurde Japans erste weibliche Skispringerin.Ihr Mann schnitzte Bretter aus Haselnußbäumen und bastelte Bindungen.Er strickte spezielle Socken und Pullover.Ihn faszinierte alles, was mit Skiern zu tun hatte.Theorien der Eltern setzte Igaya erfolgreich um.Die Geschichte trifft der Besucher kurz vor dem olympischen Frauenberg Shigakogen.Die Hütte der Igayas, inzwischen ein Museum, liegt gegenüber Chiharas Haushang, der Blick aus dem Fenster zeigt, was aus der Wiege des japanischen Skisports geworden ist: ein Hotel- und Touristen-Zentrum. Wenn man "Chic", wie ihn seine europäischen und amerikanischen Freunde nennen dürfen, fragt, was denn das schönste an seiner Silbermedaille gewesen sei, gibt er eine lustige und dann eine eher ernste Antwort."Haben die Japaner überhaupt Schnee hier", hätten die Europäer gelacht.Und als er dann vom heiligen Berg Fuji erzählte, lachten die noch mehr, "weil sie glaubten, dort würden Ananas und Bananen wachsen".Folgen der Isolation, erklärt Igaya, nur ein paar Jahre nach dem Krieg."Damals gab es weniger als fünf Millionen Skifahrer in Japan.Heute haben wir fast 20.Und darauf bin ich stolz." Obwohl nirgendo in der Welt mehr Ski, Skistiefel und Snowboards verkauft werden als auf den fünf Inseln und obwohl einheimische Riesen-Unternehmen aus der Sportartikelbranche Milliarden Yen in die verschiedenen Nationalmannschaftskader gepumpt haben, hat man die japanische Flagge seit "Chic" bei keiner internationalen Siegerehrung mehr hochzuziehen brauchen.Eigentlich müßten die 120 Millionen Menschen ein unermeßliches Talent-Reservoir für Ski-Akrobaten sein.Doch zum Leidwesen des früheren Weltklasseathleten Igaya haben seine Landsleute eine eigene Ski-Mentalität entwickelt.Sie bauen zwar Hallen für dieses Freizeitvergnügen, wo sie zur Rockmusik zwischen Mini-Buckeln auf Kunstschnee wedeln.Es kommt nicht aufs Tempo an, der Stil zählt.Hauptsache elegant mit dem Hintern wackeln.Weshalb Japan als Paradies für Skilehrer gilt. Diese verkehrte Skiwelt hat verhindert, daß sich ein neuer Star fand."Ganz so stimmt diese These nicht", sagt der alte Herr, und verweist auf "unsere neue Generation mit dem Anführer Kiminobu Kimura".Der 27jährige hat bislang zwei vierte Plätze in seiner Weltcup-Vita stehen. Ganz aus der Welt ist der Traum des Ski-Pioniers Igaya also doch nicht.

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