Sport : Die Grenzen des Glücks

Martin Hägele

Der Schwede Sven-Göran Eriksson gehört zu den selbstbewussten Menschen. Auch sagt man ihm das Benehmen eines Gentleman nach. Dem Ehemann seiner derzeitigen Lebensgefährtin, eines italienisches Models, eröffnete er einst während eines Abendessens im Restaurant, dass er sich in dessen Gattin verliebt habe - und Signora jetzt zu ihm ziehen werde. Als am Samstagabend im Messezentrum von Busan die Gruppen-Lose für die Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea gezogen wurden, fiel es dem obersten Fußballlehrer Ihrer Majestät schwer, Fasson zu bewahren. Am liebsten hätte er seinen Ärger mit einem jener bekannt kurzen englischen Flüche Luft verschafft, doch weil in diesem Augenblick die ganze Fußball-Welt auf seine Lippen guckte, verbiss er sich jegliche spontane Äußerung. Erst mit etwas Distanz kommentierte er dann das englische Los: "Argentinien ist die beste Mannschaft der Welt, Nigeria das beste Team Afrikas, und wenn ich eines nicht gewollt habe - dann gegen mein Heimatland Fußball spielen. Aber offensichtlich ist das Schicksal."

Für Leute, die nicht im Land der Schären geboren sind und auch mit dem Fußball-Wohl der Briten nichts am Hut haben, war der Zettel mit der Aufschrift "England" weder persönliches Schicksal noch nationaler Schock, sondern schlichtweg das interessanteste Los der WM-Lotterie. Die aufstrebenden Engländer, der zweimalige Weltmeister Argentinien, die Olympiasieger von 1996 aus Nigeria sowie die kantigen und athletischen Nordmänner addierten sich in der zum gigantischen Fernsehstudio umgebauten Messehalle flugs zusammen zur viel beschworenen "Todesgruppe". Ein WM-Turnier braucht solch ein Quartett, in dem kein Mensch genau sagen kann, welche zwei Mannschaften die Vorrunde überstehen.

Der Erneuerer

Jetzt können die Sportsfreunde auf allen Kontinenten sechs Monate lang diskutieren ob Eriksson, der gefeierte Erneuerer britischer Fußball-Macht, nicht schon während der Qualifikationsphase für den großen Wettbewerb sein ganzes Glück aufgebraucht hat, als Michael Owen und Co. im Münchner Olympiastadion fünfmal gegen Deutschland getroffen hatten und im Match gegen Griechenland Beckhams Freistoß in der Nachspielzeit zum mirakulösen Unentschieden im Netz gelandet war. Das Gefühl der Schadenfreude dürfte einigen Deutschen nach dieser Auslosung nicht fremd gewesen sein.

Das komplexeste und komplizierteste Losverfahren, das Fifa-Generalsekretär Michael Zen-Ruffinen entworfen hatte, weil beim ersten WM-Wettbewerb in Asien zwei Länder von der Spannung profitieren wollten und die attraktiven Teams auch nach Kontinenten getrennt verteilt werden mussten, hatte sich anfangs nur studierten Mathematikern erschlossen. Doch schon lange bevor die Namen von 29 Ländern aus diversen Glasschalen gefischt waren (Weltmeister Frankreich, die Gastgeber Südkorea und Japan waren gesetzt) sorgten immer mehr Anordnungen auf dem Tableau mit den acht Vierer-Gruppen für Brisanz im Saal. Eine Stimmung, die auch den Besitzern der diversen Fernsehrechte nicht entgangen sein dürfte. Hatte das erste globale Turnier in Fernost bis Samstag als Flop gegolten angesichts der ungünstigen TV-Zeiten auf den entscheidenden Fußball-Märkten in Europa und Südamerika, so hat die WM nun Pfeffer gekriegt.

Der Messias

Nicht nur Fifa-Präsident Blatter, der mit Hilfe von Fair play und Sportsgeist die Menschen auf unserem Globus wieder solidarisch zusammenbringen und den bunten Turnier-Ball als Friedenssymbol verstehen will, war mit dem ersten Teil seines Werks sichtbar zufrieden. Es gibt wohl keine Mannschaft, die schon vorm Anpfiff weiß, dass sie ohne Chancen antritt. Für WM-Debütant China etwa, das Brasilien, Türkei und Costa Rica vorgesetzt bekam, demonstrierte Bora Milutinuvic, der Globetrotter unter allen Nationaltrainern, dieses unbekümmertes Selbstvertrauen eines Neulings. Wie er die Talente aus dem Reich der Mitte denn auf ein Kräftemessen mit dem viermaligen Weltmeister Brasilien einstellen wolle? "Ich sage ihnen: geht raus und spielt - der Fußballplatz ist überall gleich groß."

Im Juni einmal kann man für solche Sprüche gestraft werden. Oder gefeuert. Jetzt aber gehört es zum Job der Fußball-Ausbilder, für ihre Wahlheimat Messias zu spielen, Aufbruch-Atmosphäre zu erzeugen. Das ist nicht nur bei Eriksson so, sondern gerade auch in den Gastgeberländern. Und obwohl dies nicht einfach ist in Japan oder Südkorea, deren Nationalmannschaften bislang kein einziges WM-Spiel gewonnen haben, wird sowohl vom Holländer Guus Hiddink wie vom Franzosen Philippe Troussier erwartet, dass ihre Teams die Vorrunde überstehen. Er müsse in Seoul erst einmal erklären, dass Portugal der Geheimfavorit und die Polen eine der gefährlichsten Mannschaften dieser WM seien, so Hiddink. Ähnliches steht dem Kollegen Troussier in Japan bevor. "Aber vielleicht hilft uns gerade der ungeheure Druck der Öffentlichkeit." Auf jeden Fall hilft es dem Turnier, wenn die Gastgeber an ihre Möglichkeiten glauben - ansonsten wäre das Klima schon bald gestört. Und vielleicht geht ja für Mr. Eriksson im Land der Morgenröte doch noch die Sonne auf.

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