Sport : Die große Chance, so günstig

Oberligist FC Gütersloh sucht Spieler per Inserat. Eine Geschichte über Hoffnungen im Fußball

Verena Friederike Hasel[Gütersloh]

Norbert Wöstmann, Möbelhersteller und Präsident vom FC Gütersloh 2000, hat dieser Tage viel zu tun. So viel, dass er mitunter selbst nicht mehr weiß was. „Jens, was machen wir morgen?“, fragt er seinen Assistenten. „Unterwegs“, murmelt der 29-jährige Jens. Wöstmann nickt; natürlich, das war’s. „Morgen sind wir unterwegs und haben Termine“, wiederholt er laut. Für sein Pensum braucht man Tempo: „Jens, wie lange habe ich für die Stellenanzeige gebraucht?“, fragt Wöstmann. Jens zuckt mit den Schultern: „Zehn Minuten?“ – „Falsch!“, ruft Wöstmann. „Drei! Ich hab’ einfach ins Diktiergerät reingesprochen, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ Nach dieser Ansage lehnt er sich zurück, faltet die Hände über dem braunen Nadelstreifenanzug und blickt umher. Hätte Wöstmann, 53, in Gütersloh geboren und seit anderthalb Jahren FCG-Präsident, tatsächlich einen Schnabel – er wäre ein beachtlicher Pfau.

Der FC Gütersloh hat schon in der Vergangenheit von sich reden gemacht. Im Jahr 2000 meldete er Insolvenz an und gründete sich kurz darauf neu – mit der Jahreszahl als Namenszusatz. Nun, sieben Jahre später, fahndet der Verein nach neuen Spieler per Inserat. Das gab es noch nie in Deutschland.

„Wir suchen Spieler mit Herzblut und Siegermentalität.“ Als Wolfgang Berg diese Anzeige vor drei Wochen in der Zeitung las, dachte er sofort an Mario, den Verlobten seiner Tochter Diana. Und Mario Delvalle schrieb noch am selben Abend eine Bewerbung.

Der 23-Jährige aus Paraguay ist froh, sich mal direkt bewerben zu können, keine Spielervermittler zu brauchen. Mit ihnen hat er schlechte Erfahrungen gemacht. 2004 hatte ihm gerade ein brasilianischer Verein ein gutes Angebot vorgelegt, da bekam er einen Anruf von einem Vermittler aus Deutschland, der mit einer Karriere in Europa lockte. Eine Woche später landete Delvalle in Berlin – und kam in einen slowakischen Kleinverein. Erstmal langsam adaptieren in Europa, so nannte das der Vermittler. Für Delvalle hieß es: drei Monate schlechter Fußball, das erste Mal Schnee, zu Weihnachten zurück nach Berlin, das Fest allein im Hotel. Der Vertrag mit einem polnischem Verein platzte, weil der Vermittler intervenierte. Das gibt nicht genug Geld, sagte er, dabei hätte es Delvalle gereicht. Warum er nicht rebelliert habe? Er zuckt mit den Schultern: „Ich war nur ein Junge, der Fußball spielen wollte.“

Mario Delvalle ist 1,88 Meter groß, hat rabenschwarzes Haar. Inzwischen ist er Verteidiger beim FSV Optik Rathenow, macht ein Praktikum in einem Sportgeschäft. Der Rathenower Verein ist in der Verbandsliga, Gütersloh immerhin Oberliga. Delvalle zeigt auf die Annonce. „Meine große Chance“, sagt er.

Jens deutet auf Wöstmanns Drei-Minuten-Werk und sagt: „Ich hätte das nicht gekonnt.“ Diese Emotionen, nein; er hätte eher auf sachliche Dinge geachtet: Gewicht, Größe und so – „Du hast doch keine Ahnung“, sagt Wöstmann. Schließlich fand Jens schon die Idee, die Anzeige zu schalten, nicht gut. Wöstmann tat es trotzdem. Was er sich dabei gedacht hat: Die Vermittler umgehen, die sich der Verein, erneut verschuldet, nicht leisten kann. Und die Spielerkosten drücken, indem man keine teuren Fußballer einkauft, sondern 19-Jährige aus der Umgebung kicken lässt, die eine Lehre oder ein Studium machen, mit 600 bis 1000 Euro zufrieden sind und außerdem Onkel, Cousin und Freundin ins Stadion bringen. Das Ergebnis: Mehr als 100 Bewerbungen aus ganz Deutschland. Da war selbst Wöstmann überrascht.

Der Präsident ist nach Eigenaussage „kreativer Unternehmer“, er kann umgehen mit Unerwartetem. „Wie lange brauch’ ich, um mir eine Bewerbung anzusehen, Jens?“, fragt Wöstmann, antwortet selbst: „Drei Minuten!“ und macht’s dann vor mit einer: „Gute Unterschrift, das ist ein Charakterkopf!“ In der Slowakei gespielt – da geht’s zur Sache, der ist hart im Nehmen, und verlobt ist er, der weiß, was er will. Und dazu aus Paraguay! „Den ruf’ ich sofort an.“ Wöstmann wählt: „Du willst zu uns? Das ist gut!“ Bummeln können andere, der Präsident nicht, er ist in Höchstform, die Drei-Minuten-Marke ist noch nicht mal erreicht, da sagt er schon: „Nächste Woche Probetraining! Du wirst unser neuer Maradona, verstanden?“

Dass Maradona aus Argentinien und nicht aus Paraguay kommt, darauf hat Mario Delvalle den Präsidenten nicht hingewiesen. Hat nur gesagt, dass es Maradona nur einmal geben könne. Delvalle spielt Fußball, seitdem er klein ist. Sein erster Verein hieß „Porvenir“ – auf Deutsch Zukunft. Nach dem Abitur fing Delvalle an, Jura zu studieren. Als Rechtsanwalt hätte er viel zu tun gehabt in seinem Land, sagt er. Er hörte trotzdem wieder auf, weil er davon träumte, mal ein Roque Santa Cruz zu werden – einer, der in Europa großen Fußball spielt und den ganz Paraguay kennt. Jetzt, nach zweieinhalb Jahren Europa, gehen die Delvalle-Träume so: Ein ordentliches Leben haben und wenigstens genug für eine Familie verdienen. Zum Beispiel beim FC Gütersloh. Dort fährt er gerade hin, im Gepäck die Fußballschuhe, frisch geputzt fürs Probetraining.

Neben ihm im Zug sitzt Diana Berg, 26 Jahre, BWL-Studentin – bestes Mädchen aus ganz Rathenow. Die anderen seien einfach Mädels, wollten nur Spaß, sagt Mario Delvalle. Seine Verlobte dagegen blättert im Vereinsheft vom FC Gütersloh 2000: Deutlich ältere Spieler als in Rathenow, das gefällt Delvalle, da kann man ernsthafter Fußball spielen, vielleicht aufsteigen – nun doch ein bisschen Santa-Cruz-Glimmen, zumindest auf Regionalliganiveau. Auch Diana hat Hoffnung: „Bestimmt holen sie uns ab in ihrem Vereinsbus.“

In Gütersloh wartet niemand auf sie. Sie laufen zu Fuß zu „Wöstmann Markenmöbel“, dabei lässt er ihre Hand nicht los. Sie werden in einen Raum mit Teppichboden und gepolsterten Stühlen geführt, dort sitzen schon sechs weitere FC-Kandidaten, vor ihnen auf dem Tisch Wöstmann-Kataloge: „Was Wildeiche so einzigartig macht.“ Ein Fernsehteam hat sich angekündigt, auf das muss man noch warten. Die anderen Bewerber entsprechen dem Annoncenkonzept; sie wohnen im Umkreis von 100 Kilometern, studieren Sportwissenschaften oder lernen Bankkaufmann. 400 Euro monatlich wären schon ganz okay, sagt einer. Wer setzt denn heute noch auf Fußball allein, das ist doch viel zu unsicher, meint ein anderer. Die Runde nickt, sie haben alle vorgesorgt, falls es nicht klappt mit der Kickerkarriere.

Tür auf, mit einem Mal: Das Fernsehen ist da, Wöstmann auch, er hat seinen Drei-Minuten-Takt noch einmal halbiert. Der Chef von 55 Angestellten, Unternehmer des Jahres 2005 in Ostwestfalen, wirkt so, als würde er sich in einer Parallelexistenz als Verkäufer eines Möbelhauses an verkaufsoffenen Samstagen eigentlich am wohlsten fühlen – Bude voll, ordentlich was los, ein forscher Spruch hier, ein Handschlag da. „Du könntest ja als Fotomodell arbeiten“, sagt er, als er Mario Delvalle begrüßt. „Na, wenn’s hier nicht klappt...“, antwortet Delvalle.

Nervös ist er nicht, als das Probetraining losgeht. Er hätte nichts tun können, um fitter zu sein, sagt er, bevor er aufs Spielfeld geht, mit blauen Hosen und blauen Strümpfen und seinen eigenen schwarz-weißen Fußballschuhen. Gleich zu Beginn, als er zweimal in die Hände klatscht, fliegt der Ball zu ihm, und er spielt einen sauberen Kopfball. Auf der Tribüne sitzen 40 Zuschauer, viele beäugen die Kameraleute interessierter als die Spieler. „Endlich ist das Fernsehen auch bei uns!“, ruft einer. Für Delvalle läuft es gut, Wöstmann und der sportliche Leiter sind zufrieden mit ihm. Er soll nächste Woche wiederkommen, zweites Testtraining.

Auf der Rückfahrt nach Rathenow ist Mario Delvalle still, sagt nur einige wenige Sätze: Dass er lieber mal ein paar Tage am Stück mit ihnen trainieren würde. Dass er eigentlich vom Fußball lebe und ein Problem habe, wenn er sein Geld nicht vom Fußball kriege. Und dass er vielleicht eines Tages doch noch studiere. „Fußball hat seine Zeit“, sagt er. „Und wenn ich 30 bin...“ – „Du musst aber auch verhandeln“, sagt seine Verlobte zu ihm. Er sieht sie fragend an: „Ver- was?“ Diana erklärt ihm die Bedeutung. Ach so, Mario Delvalle nickt. Das Wort kannte er noch nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben