Sport : Die große Freiheit

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Stefan Hermanns über den letzten Freundschaftsdienst von Hans Meyer

Hans Meyer hat seinen Vorgesetzten in der vorigen Woche ein großes Kompliment gemacht. Das Präsidium von Borussia Mönchengladbach sei das beste, mit dem er in den 30 Jahren als Trainer zusammengearbeitet habe. Meyer hat diese Aussage ausnahmsweise sogar ernst gemeint. Das Verhältnis zu seinem Arbeitgeber war mehr als vertrauensvoll, und mit seinem Rücktritt hat Meyer dem Präsidium noch einen letzten Freundschaftsdienst erwiesen. Er hat seine Duzfreunde aus der Vereinsführung vor der Peinlichkeit bewahrt, ihn entlassen zu müssen.

Als Hans Meyer, der damals in Westdeutschland noch weitgehend unbekannte Ostdeutsche, vor dreieinhalb Jahren Trainer beim Zweitligaletzten Borussia Mönchengladbach wurde, hat er in seiner ersten Pressekonferenz gesagt, dass er von Hause aus ja Kommunist sei. Das war, wie so vieles, was Meyer in der Öffentlichkeit von sich gegeben hat, als Witz gemeint. Doch als zumindest theoretisch geschulter Marxist weiß Meyer natürlich, dass Freiheit immer nur die Einsicht in die Notwendigkeit ist. Mit seinem Rücktritt hat er die große Freiheit gewählt.

Die schnelle Präsentation seines Nachfolgers Ewald Lienen deutet allerdings darauf hin, dass Meyer seine Entscheidung nicht allein getroffen hat, sondern dass sich beide Seiten auf eine einvernehmliche Lösung verständigt haben, die dann als honoriger Alleingang des Trainers verkauft worden ist. Hans Meyer kann man nun mal nicht einfach so entlassen. Dazu hat er sich zu viele Verdienste erworben, auch wenn die aktuelle Situation der Mannschaft alles andere als angenehm ist. Andererseits: Wer sagt denn, dass er das Team nicht aufs Neue aus der vertrackten Lage befreit hätte, wie es ihm vor zweieinhalb Jahren schon einmal gelungen ist?

Hans Meyer hat mit Mönchengladbach keine Titel geholt wie Hennes Weisweiler oder Udo Lattek. Und doch hat er sich das Recht erworben, mit beiden in eine Reihe gestellt zu werden. Ohne Meyer wäre Borussia Mönchengladbach, der Verein mit der großen Vergangenheit und mit den großen Träumen von einer großen Zukunft, heute da, wo der Karlsruher SC ist, oder – noch schlimmer – Fortuna Düsseldorf. Ohne Meyer gäbe es kein neues Stadion, das nach zehnjähriger Dauerdiskussion nun endlich gebaut wird. Hans Meyer hat einmal gesagt, dass er in der neuen Arena ja vielleicht einen Ehrenplatz mit goldenem Schildchen bekomme. Das ist das Mindeste.

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