Sport : Die große Leere

Aachen spielt heute ohne Zuschauer gegen Nürnberg

Andreas Morbach

Aachen . Jörg Schmadtke muss in diesen Tagen häufiger an seine Zeit als Fußballprofi bei Fortuna Düsseldorf denken. Ein prickelndes Gefühl ist das nicht, denn der Sportdirektor des Zweitligisten Alemannia Aachen erinnert sich vor allem an die häufig gespenstische Stimmung im inzwischen abgerissenen Rheinstadion, in das 65 000 Fans passten. „Einmal hatten wir 1900 Zuschauer“, sagt der 39-Jährige, der dieses mulmige Gefühl eigentlich verdrängt hatte. Jetzt holt ihn die Vergangenheit ein. Der Grund: Heute Abend dürfen beim Wiederholungsspiel gegen den 1. FC Nürnberg nicht einmal 1900 Zuschauer auf den Aachener Tivoli kommen, sondern gar keine.

Aachen büßt dafür, dass beim Skandalspiel gegen die Franken am 24. November Haushaltsgegenstände aller Art auf den Rasen gesegelt waren: Hartplastikbecher, Schrauben, Feuerzeuge, Nägel. Ein Wurfgeschoss traf Nürnbergs Trainer Wolfgang Wolf beim Stand von 1:0 für Aachen am Hinterkopf. Er musste ärztlich behandelt werden, das Spiel wurde für knapp zehn Minuten unterbrochen. Am Ende hieß es immer noch 1:0, der Alemannia half das allerdings nichts: Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes annullierte das Spiel.

Jörg Berger ist immer noch verstimmt. „Wir haben uns schon einmal den Sieg erkämpft, erspielt und erarbeitet“, sagt der Aachener Trainer. „Und diese drei Punkte will ich wiederhaben.“ Als die Nürnberger in der vergangenen Woche ebenfalls an der türkischen Südküste zur Vorbereitung aufliefen, trafen sich die heutigen Gegner täglich auf den Hotelfluren. Frostig sei die Stimmung gewesen, berichteten Augenzeugen, und auch Sportdirektor Schmadtke widerspricht diesem Eindruck nur halbherzig. Mit den Kollegen aus Nürnberg sei er einmal ein Bier trinken gegangen. „Aber klar, wir sind niemandem von denen um den Hals gefallen.“ Denn die Alemannia fühlt sich ungerecht behandelt. „Merkwürdig“ nennt Schmadtke die Entscheidung des DFB, das Wiederholungsspiel ohne Zuschauer stattfinden zu lassen.

Trotz einiger Sofortmaßnahmen der Aachener wie der Installation eines Sicherheitsnetzes und der Rückverlegung der Trainerbänke vor die ungefährlichere Sitzplatztribüne – Nürnbergs Hinweis auf die irregulären Bedingungen nach Wolfs Verletzung wog bei der DFB-Entscheidung schwerer. „Wir haben keine öffentlichen Debatten geführt. Die Nürnberger dagegen haben sich schon ein bisschen anders aufgeführt als abgesprochen“, sagt Schmadtke. „Es wird immer so getan, als gebe es in Aachen nur wilde Menschen. Dabei sind es nur einige wenige, für die wir jetzt alle büßen müssen.“

500 Ordner sollen heute Abend rund um das Stadion dafür sorgen, dass nicht doch noch Zuschauer auf die Ränge gelangen. Nachdem der Stadionsprecher die Aufstellungen verlesen hat, wird die Friedhofsruhe nur noch durch die Pfiffe des Schiedsrichters und die Traineranweisungen unterbrochen werden. „Das wird schwierig“, ahnt Schmadtke, „für beide Mannschaften.“

Vor allem aber für seine: Nur zwei Punkte hat Aachen bisher zu Hause abgegeben – der Sportdirektor weiß, warum: „Die Stimmung hier hat Auswirkungen – auch auf die Gegner.“ Eine „Atmosphäre mit Filter“, habe wegen der neuen Fangzäune bei den zwei Heimspielen nach der annullierten Partie gegen Nürnberg geherrscht. „Die Netze sind einfach sehr unbeliebt, für die Leute ist das wie im Käfig.“ Schmadtke ist dennoch zuversichtlich. „Unsere Mannschaft kennt das Gefühl“, sagt er, „wir haben schon häufiger unser Abschlusstraining im Stadion ausgetragen.“

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