Sport : Die großen Auswirkungen einer kleinen Dummheit

Der Deutsche Eishockey-Bund löst mit seinem Urteil im Fall Florian Busch eine Debatte um den Anti-Doping-Kampf aus

Katrin Schulze

Berlin - Für den Deutschen Eishockey-Bund (DEB) war die Überlegung ganz einfach: So ein verweigerter Dopingtest ist nichts, was großartig ausgebreitet werden müsste. Erst recht nicht, wenn die Kontrolle doch später nachgeholt wird. Deshalb wollten sie den Fall auch „mit Absicht nicht so hoch hängen“, wie DEB-Sportdirektor Franz Reindl sagte. Diese Strategie misslang gründlich.

Das Thema Doping weckt eben Geister, die über den Zenit der beschaulichen deutschen Eishockeywelt hinausgehen. Das merkt nun auch der DEB. Jeden Tag trudeln neue Erkenntnisse über den Fall Florian Busch ein. Busch ist der Nationalspieler von den Eisbären Berlin, der am 6. März eine von der Nationalen Anti-Doping-Agentur-Nada eingeleitete Dopingkontrolle abgelehnt hatte, weil er mit seiner Freundin essen gehen wollte. Dem DEB war dieses Vergehen eine Geldstrafe über 5000 Euro und 56 Stunden gemeinnützige Arbeit wert, obwohl die Nada bei einer verweigerten Probe, die wie eine positive zählt, eine Sperre von zwei Jahren vorsieht. In seiner Entscheidungshoheit hat der DEB ein „nicht hinzunehmendes Strafmaß beschlossen, das dem Code der Nada widerspricht“, wie Sprecherin Ulrike Spitz findet. Die Sanktionen des DEB werden aber nicht nur von der Nada heftig kritisiert. Mittlerweile hat der Fall die politische Ebene erreicht. „Mit Null-Toleranz gegenüber Doping hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun“, sagte die sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Dagmar Freitag.

Aus der einfachen Überlegung des Deutschen Eishockey-Bundes ist ein Skandal geworden, über den sie sich beim DEB wundern. Der Vorfall Busch ist nämlich längst zum „Fall DEB“ geworden.

Mit seinem milden Urteil führt der Verband das Kontrollsystem der Nada ad absurdum. „Solche Schlupflöcher können wir einfach nicht zulassen“, sagt Spitz. Doch wie kommt es, dass der DEB ein Urteil fällt, das sich so weit von den Richtlinien der Nada weg bewegt?

Für den DEB scheint das Thema eine Nummer zu groß zu sein. Er setzt weniger auf Regeln als auf Emotionen. Da wird der Fall heruntergespielt, Busch mal zum dummen Jungen oder auch zum Opfer gemacht. „Wir wollen einem jungen Mann nicht sein ganzes Leben verbauen“, sagt DEB-Präsident Hans-Ulrich Esken. Von Beruf ist der Mann Richter. Er beruft sich auf den Fakt, dass der vom DEB nachgeholte Test negativ ausgefallen ist. Kann also ein Autofahrer, der gerade eine rote Ampel überfahren hat, das wieder rückgängig machen? Nein. So verhält es sich auch mit der zweiten Probe von Busch. Sie ist für das Verfahren irrelevant. Zwar beweist ihre Auswertung, dass in der Zeit zwischen der Verweigerung und dem durchgeführten Test keine dopingverschleiernden Substanzen eingenommen wurden, aber „es gibt sehr wohl Möglichkeiten der Manipulation. Außerdem bauen sich bestimmte Substanzen schon innerhalb von wenigen Stunden ab“, sagt Nada-Sprecherin Spitz. „Ob das so sein kann, weiß ich nicht“, sagt Esken.

Der DEB rund um Präsident Esken ringt bei dem für ihn bisher so fremden Thema Doping um Wissen. Der Grad an Sensibilität diesbezüglich erschließt sich schon mit einem Blick auf die Webseite des Verbandes. Direkt unter der Meldung über den so genannten Verfahrensfehler des Nationalspielers läuft die Zeile „Frisches Blut für das deutsche Team“ – es geht um Veränderungen im Kader der Nationalmannschaft.

Die weitreichenden Konsequenzen seines Handelns scheint der DEB noch nicht verinnerlicht zu haben. Anders als die Nada sieht DEB-Präsident Esken „die Gefahr eines Präzedenzfalls hier nicht gegeben“. Das Strafmaß sei doch trotzdem für alle eine Warnung, sagt er. Aber geht der Fall Busch ohne das von der Nada vorgesehene Strafmaß durch, dann könnte der Job der Dopingtester künftig reichlich erschwert werden. „Unser System wird damit unterlaufen“, sagt Spitz. Sie räumt ein, dass die Sperre eines Athleten auf ein Jahr reduziert werden kann, wenn er nachweisen kann, weder vorsätzlich noch grob fahrlässig gehandelt zu haben. „Gar keine Sperre wie im Fall Busch zu verhängen, geht aber nicht“, stellt Spitz klar.

Dass die Nada ihren Unmut über das Vergehen Buschs äußert, passt dem DEB nicht. „Auch wenn die Nada mit der Entscheidung nicht einverstanden ist, steht es ihr nicht zu, dies öffentlich kundzutun“, sagte DEB-Vizepräsident Uwe Harnos.

Muss sich die anklagende Nada nun plötzlich verteidigen?

Es scheint, als wolle der DEB die Doping-Regularien umdrehen. Der „kleine Verband“, wie ihn Sportdirektor Franz Reindl einmal genannt hat, hat sich mit seinem milden Urteil in eine verquere Lage manövriert und damit mehr angerichtet, als ihm offenbar bewusst ist.

Der vom Deutschen Eishockey-Bund ursprünglich als kleine Dummheit abgestempelte Fall entwickelt sich nämlich zu einer Grundsatzdebatte über den zukünftigen Umgang mit Dopingvergehen und Regelverstößen. Dagmar Freitag hält eine Unterwerfung von Spitzenverbänden unter das nationale Schiedsgericht als unabdingbares Mittel für einen effektiven Anti-Doping-Kampf. Denn „dann sind die Zeiten vorbei, in denen das eigene interne Süppchen gekocht werden kann“.

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