Sport : Die großen Erfolge kamen erst nach der Wende

ERNST PODESWA

Der schmerzhafte Weg von Eisschnelläuferin Jacqueline Börner zum Olympiagold in AlbertvilleVON ERNST PODESWA BERLIN.Ein bißchen Wehmut mache sich in ihren Gedanken und Gefühlen schon breit, wenn sie an den heutigen Abend denke."Aber der Kopf sagt, es ist richtig jetzt aufzuhören.Ich habe alles erreicht und neue Ziele - und außerdem mich seit November auf solch einen Moment einstellen können." Heute wird die Eisschnelläuferin Jacqueline Börner vom Berliner TSC im Grand Hotel vom Leistungssport verabschiedet.Im November hatte sie nicht die Qualifikation für die deutsche Weltcupmannschaft bestanden.Danach folgten für die 32jährige keine Wettkämpfe mehr.Von Ärzten und Medizinern wurde sie wegen quälender Rückenschmerzen "auf den Kopf" gestellt."Ein Bandscheibenvorfall war es zum Glück nicht.Es müssen irgendwelche Verhärtungen in den Rückenmuskeln oder Nervenentzündungen gewesen sein.Nach physiotherapeutischer Behandlung bin ich jetzt körperlich wieder gut in Schuß." Die aus Wismar stammende Berlinerin hat das erreicht, wonach eine Franziska van Almsick bislang vergeblich (trotz aufdringlichem Mediengetöse) strebte: Sie war Weltmeisterin (im Mehrkampf) und Olympiasiegerin ( über 1500 m).Obwohl sie zweimal vor ähnlicher Situation wie heute stand - dem Ende ihrer Laufbahn auf dem Eis.Das war nach der Enttäuschung 1988, als sie angesichts der Konkurrenz nicht zu den Auserwählten für das DDR-Olympiateam zählte.Dann kam die Wende, und die eingeschlagene Berufsrichtung (Lehramt Sport/Geschichte) wurde fraglich.Warum nicht noch mal Anlauf nehmen? Unter neuem Trainer - nun Thomas Schubert - war sie neu motiviert.Auch, weil Größen, wie die mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin Karin Kania (Dresden), die Schlittschuhe an den Nagel gehängt hatten.Der Kurs stimmte: 1990 wurde Jacqueline Börner EM-Zweite und Weltmeisterin - und ein Symbol für ostdeutsche (Sport-)Leistungsfähigkeit in einer "freien Gesellschaft".Die Risiken der neuen Umgebung bekam sie in jenem Sommer zu spüren: Beim Radtraining in der Nähe von Wandlitz steuerte ein Trabantfahrer sein Fahrzeug so, als ob er "uns brutal über den Haufen fahren wollte." Nach Kopfverletzungen, einem gebrochenem Fuß und Bänderrissen schien eine Fortsetzung der Sportkarriere undenkbar.Und, was auf die junge Frau unfaßbar wirkte - der Täter wurde erst nach zwei Jahren und glimpflich bestraft. Doch mit großer Willenskraft kehrte sie zurück und wurde 1992 in Albertville mit der wertvollsten olympischen Trophäe belohnt - der Goldmedaille.Nur Silber blieb der Favoritin Gunda Niemann.Heute konzentriert sie sich auf den Abschluß der Ausbildung zur Bankkauffrau, will sich im Mai wieder Zeit "zum notwendigen Abtrainieren" nehmen und prophezeit auch für Winterolympia 1998 in Nagano deutsche Erfolge aus dem Eis: "Von Gunda Niemann, Claudia Pechstein, Anni Friesinger, Franziska Schenk und anderen dürfen wir Topleistungen und Medaillen erwarten."

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