Sport : Die Gutmütigen

Hansas künftiger Trainer muss eine neue Mentalität vermitteln

Karsten Doneck[Rostock]

Die Einschätzung des Herrn Professors war mutig formuliert. Horst Klinkmann, der neben dem akademischen Grad auch noch die Bürde trägt, Aufsichtratsvorsitzender bei Hansa Rostock zu sein, hatte im Programmheft verkündet: „Die Rahmenbedingungen, dass unser Verein auch auf Dauer eine feste Größe in der Bundesliga bleibt, sind sehr gut.“ Er warb mit diesen Worten für die anstehenden Wahlen zum Hansa-Aufsichtsrat. Indes, ein Blick auf die Tabelle verrät, dass die Rahmenbedingungen im sportlichen Teil total aus der Spur laufen: Nach dem 0:6 am Sonntag im Ostseestadion gegen den Hamburger SV, der siebten Heimniederlage in Folge, steckt der Klub am Tabellenende fest. Was gegen den HSV passierte, das stimmte auch den Vorstandsvorsitzenden Manfred Wimmer äußerst nachdenklich: „Die Leistung unserer Mannschaft war eine Beleidigung für die ganze Region. Wie kann man den Gegner so einfach zu Toren kommen lassen?“

Rhetorische Frage – und keine Antwort. Auch von Juri Schlünz nicht. Der Trainer bot sofort nach Spielende seinen Rücktritt an. Eine kurze Beratung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat reichte, um den Entschluss zu akzeptieren. Es sind die üblichen Namen, die jetzt rund um Hansa gehandelt werden: Frank Pagelsdorf, Jürgen Röber – und viele andere. Wimmer: „Wir stehen mit einem unserer Wunschkandidaten in Kontakt.“

Egal, wer Rostock künftig trainiert: Der Mann wird Baustellen vorfinden, für die schwerstes Gerät erforderlich ist. Die Mannschaft kickt fahrig, ohne Selbstvertrauen, das Zweikampfverhalten ist ähnlich weich wie ein Drei-Minuten-Ei, dem Mittelfeld fehlen Ideen. Und der Sturm? Seit sich Martin Max, der in der vorigen Saison 20 Tore erzielt hat, ins Privatleben zurückgezogen hat, schaffte Hansa in 13 Saisonspielen erst zehn Treffer.

Dem Klub droht nun nach zehn Jahren ununterbrochener Erstklassigkeit der Abstieg. Daran trägt auch Schlünz Schuld. Er hat in seiner gutmütigen Art zu oft versäumt, auch mal auf den Tisch zu hauen. So verlieh er seiner Forderung nach gleichwertigem Ersatz für Martin Max nicht genügend Nachdruck. Hansa konzentrierte sich darauf, den Ex-Schalker Victor Agali zu holen. Der Transfer platzte, weil Agali ein Engagement bei OGC Nizza vorzog. Rostock stand ratlos da. Spektakuläre Einkäufe erlaubt der 25-Millionen-Etat ohnehin nicht.

Auch seinen Spielern gegenüber war Schlünz oft zu brav. Ihm muss zugute gehalten werden, dass er sich nie ins Amt gedrängt hat. Er musste erst dazu überredet werden, Cheftrainer bei Hansa Rostock zu werden. 401 Tage später hat er den Job wieder abgegeben. Sein Kumpel aus gemeinsamen Rostocker Zeiten, der HSV-Trainer Thomas Doll, sagte: „Mitleid braucht Juri nicht, dazu ist er zuviel Kerl und Mensch, der steht wieder auf.“ Ob aber auch Hansa noch mal aufsteht?

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