Sport : Die Hände sind leer

Wie Dallas die Basketball-Meisterschaft verspielte

Matthias B. Krause[Dallas]

Die langen, silbernen, nach hinten gekämmten Haare, die hagere, hochaufgeschossene Figur, die gemeißelten Falten im Gesicht – Pat Riley sieht nicht aus wie jemand, den Zweifel plagen. Doch 18 Jahre sind eine lange Zeit, besonders, wenn man warten muss. Dann können sie endlos werden. „Wenn man einem Titel so lange hinterherjagt, dann wird man müde“, sagt der Cheftrainer des Basketballklubs Miami Heat. Doch nun hat er erreicht, was er die „absolute Freiheit“ nennt: seinen siebten Meistertitel (fünf als Trainer, einen als Trainerassistent und einen als Spieler) in der nordamerikanischen Profi-Liga NBA.

Ein gellendes Pfeifkonzert hallte NBA-Commissioner David Stern in der American-Airlines-Arena in Dallas entgegen, als er den Heat nach dem 95:92-Erfolg in Spiel sechs gegen die Mavericks die Trophäe überreichte. Nicht aus Verachtung gegenüber dem neuen Meister, sondern weil die Fans in Dallas sich als Opfer einer Verschwörung sehen. Drei Spiele in Folge hatte Miami in eigener Halle gewonnen und so ein 2:0 der Texaner in der Best-of-seven-Serie in ein 2:3 umgewandelt. Unter kräftiger Mithilfe zweifelhafter Schiedsrichterentscheidungen, wie Mavericks-Besitzer Mark Cuban öffentlich mutmaßte. Dafür und für sein ungebührliches Benehmen auf dem Feld in Miami nach Spiel fünf, als er tobend und fluchend umherrannte, brummte Stern dem Milliardär 250 000 Dollar Strafe auf – deshalb die Pfiffe in Dallas.

Doch unter dem Strich mussten selbst die treuesten Fans von Dirk Nowitzki und den Dallas Mavericks eingestehen, dass Miami einfach besser war. Nur einen Hauch zwar, aber besser. Dafür gab es vor allem zwei Gründe. Zum einen die Erfahrung der Spieler Shaquille O’Neal, Alonzo Mourning und Gary Payton. Der eine, O’Neal, konnte schon vor der diesjährigen Finalserie auf drei Meisterringe mit den Los Angeles Lakers zurückblicken und wollte, wie er bei seiner Ankunft in Miami versprochen hatte, unbedingt einen vierten. Die anderen beiden waren in ihren langen Karrieren oft davor – schafften aber nie den finalen Erfolg. „Sie sind so oft zerstückelt worden in ihrer Laufbahn, auseinander genommen, fertig gemacht. Die Leute verstehen nicht, wie sehr die Jungs den Titel wollten“, sagte Riley.

Der zweite Grund war ein junger Mann, dessen Name in der Finalserie immer häufiger in einem Atemzug mit Michael Jordan genannt wurde. Dwyane Wade, 24, spielte ein, zwei, drei Verteidiger der Mavericks nach Belieben schwindelig und tat in den entscheidenden Momenten stets das Richtige. „Er ist der Beste“, lobte O’Neal. Er hatte, ebenso wie die anderen im Team, in Wade so viel Vertrauen, dass er ihm den Ball immer wieder in die Hände legte – und Wade gab keine Ruhe, ehe er ihn nicht in den Korb befördert hatte. Auch in Spiel sechs brachte er es wieder auf 36 Punkte. Obwohl durch eine Grippe geschwächt in die Serie gestartet, verbuchte er am Ende einen Durchschnitt von 34,7 Punkten und wurde zum wertvollsten Spieler der Finalserie gekürt.

Die Mavericks waren zunächst furios gestartet und führten im ersten Viertel mit 14 Punkten. Doch Miami ließ sich nicht abschütteln – und plötzlich überkam die Gastgeber Panik. Statt wie noch zu Anfang des Spiels den Ball bis in den Korb zu tragen, versuchten sie es mit Würfen aus der Mitteldistanz – und setzten einen nach dem anderen daneben. Nowitzki spielte zunächst wie entfesselt und hatte bis zum Ende des dritten Viertels 27 Punkte gesammelt. Doch als es darauf ankam, im letzten Spielabschnitt, gelang ihm kein Korb mehr aus dem Feld heraus, er traf nur noch zwei Freiwürfe. Wade dagegen erzielte allein in den letzten zwölf Minuten elf Punkte. Aber es war nicht Nowitzki alleine, der sich keinen Rat mehr wusste gegen die starke Defensive von Miami. Kollege Jason Terry erwischte einen miserablen Tag und brachte gerade sieben seiner 25 Wurfversuche im Korb unter. So nahm das Unglück seinen Lauf.

„Es ist im Augenblick sehr schwer zu schlucken“, sagte Nowitzki, der neben seinen 29 Punkten auch 15 Rebounds holte. „Für acht, neun Monate spielt man sich die Seele aus dem Leib und schafft es den ganzen Weg bis auf die große Bühne – und nun muss man nach Hause.“ Der Cheftrainer der Mavericks, Avery Johnson, prophezeite seinen Spielern einen quälenden Sommer: „Es wird noch richtig weh tun, aber ich hoffe, es führt dazu, dass sie härter an sich arbeiten. Es gibt keine Ausreden. Miami hat den Sieg verdient – und wir werden wiederkommen.“ Die Frage ist nur, wann.

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