Sport : Die hässliche Tochter

Volkswagen will mit dem VfL Wolfsburg für sich werben, doch momentan bereiten seine Fußballer dem Konzern anstatt Freude nur Kummer und Spott

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Bürde auf der Brust. VW steckt viel Geld in den VfL und will dafür Resultate wie das 4:1 gegen Köln sehen. Hier bejubelt Ashkan Dejagah sein Tor. Foto: dpa
Bürde auf der Brust. VW steckt viel Geld in den VfL und will dafür Resultate wie das 4:1 gegen Köln sehen. Hier bejubelt Ashkan...Foto: dpa

Schöne Tore und das Gejubel danach sind immer noch der beste Weg. Um zu vergessen, wie dicht die Mannschaft des VfL Wolfsburg am Abgrund steht. Und um die eigenen Fans wieder zu besänftigen „Wenn wir so weiterspielen", versicherte Stürmer Mario Mandzukic, beim 4:1-Heimsieg gegen den 1. FC Köln am Sonntag zweifacher Torschütze, „brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.“ Der Kroate, einer der vielen teuren Spieler im in dieser Saison enttäuschenden Ensemble des VfL Wolfsburg, versucht es mit beruhigenden Worten. Denn die Stimmung im Klub bleibt angesichts des drohenden Abstiegs angespannt.

Das Dumme ist, dass Häme und Spott dem großen Chef manchmal auch noch persönlich über den Weg laufen. Martin Winterkorn, der mächtige Vorstandsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns, war bei seiner jüngsten Begegnung mit dem bezahlten Fußball von alkoholisierten Anhängern des FC St. Pauli belästigt worden. „Absteiger, Absteiger“ hatten die Fans ihm zugebrüllt. Ähnliche Töne hatten die Anhänger des am Ostersonntag klar besiegten 1. FC Köln auch angeschlagen. In Momenten wie diesen wird offensichtlich, dass es im global erfolgreichen Volkswagen-Imperium doch tatsächlich eine Tochtergesellschaft gibt, die ihre Ziele verfehlt. Von Schönwetter-Spielerei spricht Winterkorn, wenn er kommentieren soll, was der VfL Wolfsburg bisher in dieser Saison zu bieten hatte. Biederer Abstiegskampf, das passt einfach nicht zu den hohen Zielen eines Unternehmens von Welt.

Ein Top-Manager wie Winterkorn lässt sich selten dazu herab, über die profanen Sorgen eines Fußballteams zu urteilen. Im Mai 2009 waren dem VW-Boss seine branchenfremden Kommentare noch leicht gefallen. „Die Wölfe sind das Aushängeschild für Wolfsburg und für Volkswagen“, hieß es damals, als es die erste deutsche Meisterschaft für den VfL zu bejubeln galt. Aber das Werbevehikel von Volkswagen, das VfL Wolfsburg Fußball GmbH heißt und als hundertprozentige Tochter des Konzerns wichtiges Standortmarketing leisten soll, ist ins Schlingern gekommen. Ein Konzern, der sich ökonomisch und ökologisch als weltweit führendes Automobilunternehmen ausrichten will, passt mit seiner Philosophie nicht an den Rand der Zweitklassigkeit.

Drüben, auf ihrer Seite der Wolfsburger Schnellstraße am Mittellandkanal, sind es die Manager gewohnt, Erfolg penibel planen zu können. Man erobert von dort aus neue Wachstumsmärkte wie China. Man freut sich über eine neue Rekordmarke mit rund zwei Millionen Autoauslieferungen im ersten Quartal 2011 und einen weltweiten Marktanteil von mehr als elf Prozent. Aber was werden die Menschen in China sagen, wenn sie erfahren, dass ausgerechnet dieses teure, von Volkswagen bezahlte Fußballteam nicht funktioniert? „Wenn die Mannschaft keine Konsequenzen zieht, dann werden wir Konsequenzen ziehen“, versichert Javier Garcia Sanz, der Chef des VfL-Aufsichtsrates. Drüben im Stadion, auf der anderen Seite der Schnellstraße, wollen sich die Erfolge in der Branche Profifußball trotz horrend hoher Zielvorgaben und Spielergehälter dummerweise nicht erreichen lassen. Um jene Angestellte unter Druck zu setzen, die bei 31 Versuchen in dieser Saison bisher gerade einmal sieben Bundesligaspiele gewinnen konnten, sind die Daumenschauben angezogen worden. Felix Magath, den sie als erfolgsverwöhnten Trainer an die Werkbank des VfL gestellt haben, geizt nicht mit Kritik. Magath weiß, dass es nur schwer zu vermitteln ist, wie viel Misserfolg man mit einem Saisonetat von deutlich mehr als 60 Millionen Euro einspielen kann.

Wer mit dem Zug in Wolfsburg anreist, um sich ein Spiel des VfL anzusehen, bringt zwangsläufig einen werbewirksamen Parcours hinter sich. Eine Brücke, elegant über den Mittellandkanal gebaut, verbindet den Hauptbahnhof mit dem gigantischen VW-Werksgelände sowie der davor thronenden Autostadt. Dort scheint jeder Grashalm dem Willen der Firma zu gehorchen. Ein Laufband auf der Brücke erleichtert den Gästen das Vorankommen zur schicken Volkswagen-Arena, in der Besucher, Kunden und Mitarbeiter mit erstklassigem Sport bespaßt werden sollen.

Die Mehrheit jener Fans, die ihre „Wölfe“ lautstark unterstützen, arbeitet in Schichten und an Bändern. Entsprechend groß ist der Frust, wenn die VW-Kollegen Grafite und Diego ihrerseits keine Leistung bringen. VfL-Trainer Magath hatte seine Spieler zuletzt zu einem Krisengipfel mit unzufriedenen Fans bestellt. „Wir haben die Schnauze voll von Durchhalteparolen. Leidenschaft ist von Euch viel zu selten zu erkennen“, stand in einem Brief eines Fanklubs, der den Profis unter lautem Gejohle vorgelesen wurde. „Unsere Spieler sollen ruhig hören, wie ein Fan diese Tage erlebt“, sagte Felix Magath und wurde dafür mit Applaus bedacht.

Der öffentliche Rüffel für die Spieler ist zwischen Magath und den Chefs im Konzern genau abgestimmt. Man ist sich einig, wie das Planziel Klassenerhalt noch erreicht werden kann. Mit Druck, Kritik und der Androhung, einige der Fußball-Arbeiter zu entlassen. Magath hat erklärt, dass er den Klub wenn nötig auch in der Zweiten Liga anführt. Als Trainer, der seine Mannschaft in der deutschen Spitze etablieren und in den europäischen Fußball führen soll, wäre der Mann dort ein ziemlich einmaliges Sondermodell.

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