Sport : Die halbe Sensation

Berti Vogts feiert den 1:0-Erfolg seiner Schotten im ersten Play-off-Spiel über die Niederlande

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Glasgow (Tsp). Das Spiel war gerade 20 Minuten alt, da reckte Berti Vogts das erste Mal seine rechte Faust in den Himmel von Glasgow. Der 20jährige James McFadden hatte soeben das 1:0 für Schottland erzielt. Das zweite Mal, als der deutsche Trainer der Schotten an diesem Abend die Faust ballte, war das Spiel gespielt. Schottland hatte vor 52 000 begeisterten Zuschauern im Glasgower Hampden Park das Play-off-Hinspiel gegen den hohen Favorit Niederlande mit 1:0 (1:0) gewonnen. Es war die erste Hälfte der möglichen Sensation. Das Rückspiel findet am Mittwoch in Amsterdam statt. Nur der Sieger darf im kommenden Jahr zur Europameisterschaft nach Portugal.

Berti Vogts hatte seinen Spielern eine Geschichte aus seiner aktiven Zeit als Fußballer erzählt. Der Deutsche erinnerte sich laut an die Fußballweltmeisterschaft von 1974 in seiner Heimat, speziell an das Finale. „Die Holländer waren damals auf fast allen Positionen besser besetzt, aber wir hatten den besseren Teamgeist und wurden deswegen Weltmeister“, hatte Vogts erzählt. Der Trainer muss die richtige Ansprache gefunden haben, denn sein Team präsentierte sich wach für „das Wunder“, das die schottischen Zeitungen angekündigt hatten. Nach einer hektischen Anfangsphase schoss James McFadden die Gastgeber in Führung. Der erst 19-jährige Darren Fletcher hatte per Hackentrick dem Torschützen im Strafraum aufgelegt. Frank de Boer, der Kapitän der Niederländer konnte den Schuss nur noch leicht abfälschen. Torwart Edwin van der Sar war machtlos.

Von diesem Rückschlag erholte sich der Favorit nur langsam und leistete sich bereits im Spielaufbau immer wieder Abspielfehler. In der Abwehr spielte der zweifache Vizeweltmeister sehr unsicher. Und in der Offensive, wo Bondscoach Dick Advocaat die beiden Starstürmer Ruud van Nistelrooy (Manchester) und Patrick Kluivert (Barcelona) aufgeboten hatte, passierte so gut wie nichts. Lediglich Verteidiger Jaap Stam von Lazio Rom prüfte in der ersten Hälfte Robert Douglas im Tor der Schotten. Stams Kopfball aus fünf Meter Entfernung parierte Douglas, der bei Celtic Glasgow nur Ersatz ist.

Roy Makaay (FC Bayern) und Clarence Seedorf (AC Mailand) fanden sich zunächst auf der Ersatzbank wieder. Seedorf kam mit Beginn der zweiten Halbzeit für Giovanni van Bronckhorst aufs Feld. Und Bayerns erfolgreicher Mittelstürmer kam erst 25 Minuten vor dem Ende für den an diesem Tage glücklosen Kluivert ins Spiel. Kluivert hatte in 73 Länderspielen 40 Tore erzielt, gestern hatte er nicht eine einzige Chance.

„Das war ein sehr gutes Spiel von uns“, sagte der ehemalige Bundestrainer. „Wir haben gegen die besten Spieler der Welt gespielt, aber der ganze Druck liegt auf den Niederlanden.“ Für die Mannschaft von Dick Advocaat steht jetzt viel auf dem Spiel, nachdem sie schon die WM in Asien verpasst hatte. In der abgelaufenen EM-Qualifikation war sie hinter Tschechien nur Gruppenzweiter geworden. Schottland hatte die Play-off-Spiele durch den zweiten Gruppenplatz hinter Deutschland erreicht.

Das Mitwirken von Seedorf machte sich im zweiten Abschnitt bemerkbar. Die Niederländer erhöhten den Druck auf das Tor von Robert Douglas, der erst gegen Nistelrooy klärte und kurz darauf Glück hatte, dass Andy van der Meyde (Inter Mailand) nur die Latte traf. Es sollte die beste Gelegenheit für die Niederländer bleiben, denen ungewohnt viele Passungenauigkeiten unterliefen. Seedorf schoss noch einmal über das Tor, einen Kopfball von de Boer fing Douglas ab. Kurz vor Schluss zischte ein Schuss des spät eingewechselten Rafael van der Vaart von Ajax Amsterdam knapp am Pfosten vorbei. Die Schotten hatten nur noch auf Konter gelauert. Einen davon stoppte Jaap Stam derart rüde, dass der kahlköpfige Abwehrspieler die Gelbe Karte sah. Da er schon vorbelastet war, wird er im Rückspiel fehlen. Nach dem Abpfiff trotteten er und seine Mitspieler betroffen vom Feld. „Wir müssen gucken, wie wir das in Amsterdam auflösen“, sagte Stam.

Es war der erste Sieg der Schotten über die Niederlande seit über 20 Jahren. „Wenn wir in Amsterdam ein Tor schießen, ist alles drin“, sagte Vogts. Dann könnte er beide Fäuste himmelwärts recken.

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