Sport : Die Halle lockt sie alle

Hamburg zieht die besten deutschen Athleten an

Frank Bachner

Anne Gnauk hatte vorher natürlich alles ausgemessen. Dann schritt sie 8,71 Meter ab, entlang der Weitsprunggrube. Kinderaugen beobachteten sie, und die Augen wurden groß, als sie stehen blieb. „So weit“, verkündete die 30-Jährige lächelnd, „ist der Sebastian gesprungen.“ Damit war der Sebastian natürlich noch mehr ein Star als ohnehin, jedenfalls bei dieser Kindergruppe in der Hamburger Leichtathletik-Halle. 8,71 Meter war Sebastian Bayer bei der Hallen-Europameisterschaft in Turin, im März 2009, gesprungen. Das bedeutete Gold und Titel. Aber Anne Gnauk, Leichtathletik-Trainerin beim Hamburger SV, hatte vor kurzem noch eine viel bessere Botschaft: „Der Sebastian kommt jetzt zu uns und trainiert hier.“ Raunen bei den Kindern.

Im Dezember wechselte Bayer vom Bremer Leichtathletik-Team zum HSV. Es ist nicht bloß irgendein ein Wechsel, es ist ein Zeichen. Hamburg soll sich zum Leichtathletik-Zentrum entwickeln. Hamburg, das ist der Gegenentwurf zu vielen Klubs. Quelle Fürth, Salamander Kornwestheim, diesen Vereinen brechen die Sponsoren weg, in Hamburg dagegen wird personell aufgerüstet. Bayer stößt zur Truppe von Hürdensprinter Helge Schwarzer, Diskuswerfer Markus Münch und den Weitspringerinnen Anika Leipold und Nadja Käther.

Kernstück dieser Planungen ist die neue Halle. Ein Bau mit neuester Technik und modernster Ausrüstung, zwölf Millionen Euro teuer. „Mit dieser Halle haben wir auch eine Art moralische Verpflichtung“, sagt Oliver Voigt, der Leichtathletik-Abteilungsleiter des HSV. „Wir wollen Hamburg auch jetzt etwas zurückgeben.“ Die Halle steht zwar schon seit 2006, aber damals, sagt Voigt, hätten die Strukturen in Hamburg noch nicht gepasst. Jetzt arbeiten HSV und Landesverband eng zusammen.

Das Beste ist gerade gut genug für die Halle. Die Geräte in dem verglasten Kraftraum, der in die Halle integriert ist, sind einmalig in Deutschland. Allein der Kraftraum kostete 100 000 Euro. Dazu gibt es eine Rundbahn und einen mehr als 100 Meter langen Laufschlauch mit vier Bahnen.

Die WM in Berlin spielte keine Rolle für den Aufschwung des Standorts Hamburg, sagt Voigt. Die Halle lockt. Nachdem wegen der guten Bedingungen im Sommer immer mehr Athleten bei Voigt angefragt hatten und über einen Wechsel zum HSV nachdachten, arbeitete er ein Konzept für den Leichtathletik-Schwerpunkt Hamburg aus. Im September stellte er es dem Gesamtverein HSV vor, im November wurde es abgesegnet. Der Hauptverein übernimmt eine Bürgschaft, die Abteilung darf Athleten verpflichten. Und sie soll Sponsoren suchen, die zumindest einen Teil der Kosten übernehmen. Zum Beispiel für Sebastian Bayer.

Der kam über seine Freundin Carolin Nytra zum HSV. Die Hürdensprinterin ist eine alte Bekannte von Voigt, die beiden plauderten mal über einen Wechsel nach Hamburg, Voigt biss sofort an. So kam Bayer nach Hamburg, Nytra dagegen bleibt erst mal in Bremen. „Sebastian stand auf unserer Wunschliste ganz oben“, sagt Voigt. Bayer kommt auch, weil sein Bundestrainer Uwe Florczak seit Jahresbeginn in Hamburg arbeitet. Der Weitspringer wird oft in Hamburg trainieren. Und natürlich soll er die Öffentlichkeit anlocken. Weitspringer Nils Winter, seine Bestleistung liegt bei 8,21 Meter, denkt gerade über einen Wechsel zum Hamburger SV nach.

An Nachwuchs mangelt es in Hamburg nicht. Die Leichtathletik-Abteilung des HSV hat fast 1000 Mitglieder, vermutlich ist sie damit die größte in Deutschland. „Wir bekommen laufend neue Kinder“, sagt Anne Gnauk. Die sollen auch Idole vor Ort bewundern können. Athleten wie Schwarzer. Der gilt als Star in der Halle. Nachdem er von der WM zurückgekommen war, standen Kinder mit Filzstiften da und baten um ein Autogramm auf ihren T-Shirts. Und als der Hürdensprinter Geburtstag hatte, da haben ihm die kleinen Talente ein Ständchen gesungen. Dazu gab es selbstgebackenen Kuchen der Eltern. Bei Bayer wird es nicht anders sein.

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