Sport : Die Handys klingeln schon

Oliver Trust

Von betretenem Schweigen keine Spur. Nicht mal, wenn ein großer Klub wie der 1. FC Köln untergeht. Die Handys der Spieler, erzählen sie am Rhein, die klingeln noch viel öfter als sonst. Wenigstens die Telefongesellschaften verdienen am sportlichen Niedergang, der längst kaum noch aufzuhalten ist. Die Telefonbranche leidet unter schlechten Daten. Die des 1. FC Köln sind eine Katastrophe. Tabellenletzter, seit 959 Minuten kein Tor, das letzte im November 2001. Am Trainingsgelände vor dem Geißbockheim stehen nach dem 0:2 beim 1. FC Nürnberg ein paar Fans herum, grölen "Wir haben die Schnauze voll" und beleidigen den Präsidenten Albert Caspers. Und während der grau melierte Herr dasteht und von Wundern spricht, ruft der Rest der Fußballszene seine Spieler an.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Der Ausverkauf beginnt mit einem Piepen, Klingeln oder Vibrationsalarm. Für eine Rettung scheint es längst zu spät. Caspers muss sich einen Verbrecher schimpfen lassen und auf der Geschäftsstelle haben manche Angst um ihren Arbeitsplatz. Der Mann, der neulich kleinlaut eingestand, vom schlechten Verhältnis der Mannschaft zum inzwischen entlassenen Trainer Ewald Lienen nichts gewusst zu haben ("Da haben wir Fehler gemacht"), spielt jetzt den Trotzkopf. "Warum soll uns nicht etwas Ähnliches gelingen wie dem FC St. Pauli gegen Bayern München?", sagt er und lächelt verlegen, weil es derzeit ziemlich dreist klingt, den FC überhaupt mit irgendeinem anderen Klub zu vergleichen. Was aber soll er sagen? Ein kecker Spruch erscheint ihm in der Karnevalshochburg sinnvoller als ein klares Wort. Die Fans denken da anders. Sie warfen im Frankenstadion zu Nürnberg ihre Trikots über den Zaun. Dort brannten dann kleine Feuerchen. "FC, du wirst niemals untergehen", sangen sie. Das klang eher nach beißendem Sarkasmus als nach Optimismus.

Der Abstieg kostet Geld, 25 Millionen Euro. "Der Etat", flüstert Caspers betreten, "der wird sich um 50 Prozent reduzieren." Solche Fußballgrößen wie Rigobert Song, der Afrika-Meister aus Kamerun, passen nicht mehr zum auf Zweitligaformat reduzierten FC. Dem Mann mit den Rastalocken kommt die Zweite Liga vor wie ein böser Fluch. "Die Zweite Liga kommt für mich nicht in Frage. Wenn wir den Klassenerhalt nicht schaffen, werde ich Köln verlassen", sagt er. Er befindet sich in guter Gesellschaft: Die Kölner Profis haben alle ein Mobiltelefon. Eine Waffe gegen den eigenen Abstieg. Um Stürmer Christian Timm, derzeit verletzt und in Nürnberg nicht dabei, bemüht sich unter anderem Hertha BSC. Auch für Marc Zellweger, den Schweizer, Alexander Voigt und Torwart Markus Pröll stehen die Zeichen auf Abreise. Jede Flanke, jede Parade wird zum Bewerbungsschreiben. Die Aussagen klingen nur noch nach Durchhalteparolen.

Trainer Friedhelm Funkel wird voraussichtlich bleiben. Sein Vertrag bis 2004 gilt auch in der Zweiten Liga. Wenigstens er ist froh, dass er überhaupt in Köln arbeiten darf: "An die Zweite Liga denke ich noch nicht." Weiter arbeiten, sagt er andauernd, als helfe das gegen Frust und Angst. Vielleicht lässt das auch Thomas Helmer zögern. Der Mann aus München, laut Caspers ein "Siegertyp", soll Manager werden. Dann hätten sie wenigstens einen, der mal Meister war. Es wird gesprochen und verhandelt. Bislang ohne Ergebnis. Helmer wird sich gut überlegen, ob er sich den Job in Köln zumutet. Am Rhein hat sich nicht viel verändert seit dem Abstieg in der Saison 1997/98. Trainer Funkel lobt die Mannschaft, von der er weiß, dass sie bald auseinander brechen wird, und Hauptgeschäftsführer Claus Horstmann macht auf beschwichtigenden Funktionär. "Wir müssen jetzt die Ruhe bewahren, alles andere hat keinen Zweck", sagt Horstmann. Doch vom Himmel, das weiß auch Horstmann, fallen in diesen Tagen am Geißbockheim keine Punkte. Höchstens ein paar Schneeflocken.

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