Sport : Die Heimat muss draußen bleiben

Jürgen Klinsmann erhält in einer Privataudienz das Bundesverdienstkreuz

Stefan Tillmann

Berlin - Es ist nicht sein Land. Dunkle Wolken, Pfützen und 60 Schüler in dicken Jacken – Jürgen Klinsmann, der Wahlkalifornier, wird gewusst haben, warum er seit dem vergangenen Sommer nicht mehr in Deutschland war, als er gestern um 19.14 Uhr ins Kanzleramt fuhr. Dort bekam der ehemalige Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel das Bundesverdienstkreuz überreicht.

Die Kanzlerin soll Klinsmann zu einem Vieraugengespräch empfangen haben, hieß es aus Regierungskreisen. Klinsmann zeigte sich nach Angaben des Sprechers „gerührt angesichts der außergewöhnlichen Auszeichnung“ und dankte der gesamten Mannschaft, deren Leistung die Weltmeisterschaft und den vergangenen Sommer für ihn unvergesslich gemacht hätten. Merkel äußerte ihre Freude über das Wiedersehen mit dem früheren Bundestrainer. Er und das Team hätten dem Land viel gegeben.

Die erste Aushändigung seiner Auszeichnung hatte er abgelehnt. Am 14. August wollte Bundespräsident Horst Köhler allen 23 deutschen Nationalspielern und dem gesamten Trainerstab des Deutschen Fußball-Bundes das Silberne Lorbeerblatt überreichen – die höchste Auszeichnung, die an Sportler in Deutschland vergeben wird. Klinsmann sollte darüber hinaus das Bundesverdienstkreuz bekommen wegen seiner Verdienste um das Gemeinwohl. Klinsmann aber sagte den Termin ab, blieb in Kalifornien, weil er Ruhe brauchte und seinem Nachfolger Joachim Löw nicht die Schau stehlen wollte. Als er gestern zurückkehrte, mied er Fans und Medien, nur kurz winkte er den drei Schulkassen aus Bayern zu, die eher zufällig zuvor um die Ecke gebogen waren und warteten.

Tagsüber froren andere stundenlang wie verlorene Demonstranten vor dem Kanzlerbau und warteten auf die Rückkehr des Märchensommers – als die Deutschen so viele Fahnen kauften und so viele Kinder zeugten wie lange nicht. Klinsmann sah jedoch keinen Grund für einen öffentlichen Auftritt: Er sei „rein als Privatier“ in Deutschland, ließ er über sein Umfeld wissen. Den Flug musste er selber zahlen, hieß es aus Regierungskreisen. Das Land, das Klinsmann angeblich veränderte, hat sich ohnehin beruhigt. Nur, dass Deutschlandfahnen mittlerweile auch bei einstigen Randsportarten und zum Karneval gewunken werden.

Der stille Auftritt stößt auf Kritik. „Als Abschluss des Großereignisses ist der Rahmen nicht angemessen“, sagt Peter Danckert, Vorsitzender des Sportausschusses des Bundestags. Es sei nicht richtig, dass eine Person des öffentlichen Lebens aus der Verleihung eine Privatangelegenheit mache.Vor dem Kanzleramt murrte mittags ein Tourist, der eigentlich den Premierminister der Ukraine sehen wollte: „Lieber nie als spät.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben