Sport : Die Helden sind noch lange nicht müde

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Von Stefan Hermanns

Seogwipo. Der letzte Sieg ist immer der schönste. Seit Samstagabend kennt Südkorea kaum noch ein anderes Thema als den Erfolg seiner Fußballer im WM-Viertelfinale gegen Spanien. Es gibt vermutlich keinen Aspekt dieses Triumphes, den das nationale Fernsehen seitdem nicht eingehend beleuchtet hätte: Die Reporter haben von den Reaktionen bei der Schwangerschaftsgymnastik in Busan berichtet, anschließend zur koreanischen Wetterstation in die Antarktis geschaltet und dann mal wieder den entscheidenden Elfmeter von Hong Myung-bo gezeigt. Auch beim 728. Mal immer wieder schön anzusehen.

Vermutlich ist es in Südkorea nicht anders als in Deutschland, wo die Programmgestaltung ganz wesentlich von den Wünschen des Publikums bestimmt wird. Und in Südkorea ist es im Moment so, dass das Publikum verrückt ist nach Fußball, verrückt nach Ahn und Hiddink, Seol und Hong. Bundestrainer Michael Skibbe hat das Spiel der Südkoreaner gegen Spanien im Stadion gesehen. „Es war für mich sehr beeindruckend, diese unglaublich intensive Atmosphäre erleben zu dürfen“. Skibbe hat in seinem Berufsleben vermutlich hunderte Fußballspiele gesehen, aber seine Begeisterung war nicht gespielt. So geht es allen, die bei dieser WM eine Begegnung der Südkoreaner auf der Tribüne miterleben, wenn die Ränge roter sind als bei den Reds in Liverpool an der Anfield Road, wenn Zehntausende „Dae Han Min Kok“ (Großes Korea) rufen oder die Ode an die Freude singen. „Wir freuen uns wahnsinnig darauf“, sagt Skibbe.

Am Dienstag spielt die deutsche Elf in Seoul vor 63 961 Zuschauern im WM-Halbfinale gegen Südkorea. Es werden 63 961 besessene, ausgelassene, begeisterte Zuschauer sein, die ihre Elf ins Endspiel treiben wollen. „Alle Spieler sind sehr froh, dass wir gegen Südkorea spielen“, sagt Skibbe trotzdem. Skibbe hofft, dass seine Spieler sich „von der Begeisterungsfähigkeit anstecken und tragen lassen“. Die Unterstützung durch ihr Publikum ist einer der großen Vorteile der südkoreanischen Mannschaft gewesen, jetzt hoffen die Deutschen, ebenfalls davon profitieren zu können. Und ein wenig bauen sie auch darauf, dass bei den Südkoreanern irgendwann die Kräfte schwinden. Die Gastgeber betreiben einen hohen körperlichen Aufwand, und „zwei Verlängerungen werden sie auch nicht so einfach wegstecken“, sagt Christian Ziege und spricht aus, was in Deutschland viele denken.

Eigentlich wissen ja eh schon alle, wie diese Südkoreaner zu bezwingen sind. Man muss nur hohe Flanken in deren Strafraum schlagen und sich die Kopfballstärke der Bierhoffs und Ballacks zunutze machen. Dann sehen die Asiaten ziemlich schnell ziemlich klein aus. Doch: „So kopfballschwach sind sie nicht“, sagt Skibbe. Die Statistik gibt ihm Recht. In ihren fünf WM-Spielen haben die Koreaner erst ein Kopfballtor kassiert. Andererseits hat Ahn Jung-hwan per Kopf bereits zweimal für Korea getroffen. Mit Stürmern wie Sol Ki-hyeon (1,84 m) hatten die Koreaner auch gegen die kopfballstarke polnische Abwehr mit den Schalkern Tomas Hajto und Tomasz Waldoch keine Probleme.

Vermutlich wäre es genauso unklug, auf die Schwäche der Koreaner beim Kopfball zu setzen wie auf ihre schwindende Fitness. Skibbe hat zwar festgestellt, „dass sie nicht mehr das gleiche Tempo gehen wie am Anfang des Turniers“, aber das ist nach fünf Spielen in drei Wochen bei allen Mannschaften so. Korea werde kein müder Gegner sein, glaubt Skibbe. Die WM-Gastgeber haben zudem den Vorteil, dass die Spieler keine anstrengende Saison mit bis zu 70 Einsätzen hinter sich haben wie die Deutschen.

Seit dem 1. März arbeitet Raymond Verheijen als Konditionstrainer für das koreanische Team. Er ist wie Chefcoach Guus Hiddink Holländer und vom KNVB, dem holländischen Fußballverband, ausgeliehen. „Die Koreaner haben schon immer wie die Wirbelwinde gespielt“, sagt Verheijen, „aber früher haben sie spätestens nach 70 Minuten nachgelassen.“ Daran hat Verheijen gearbeitet – offensichtlich mit Erfolg: Im Gruppenspiel gegen die USA fiel der Ausgleich in der 78. Minute, und gegen Italien traf Seol auch erst zwei Minuten vor Schluss zum 1:1. „Koreaner sind von Haus aus sehr fit“, sagt Verheijen. Und sie sind lernwillig. „Ich habe noch nie eine Mannschaft erlebt, die in so kurzer Zeit derart große Fortschritte gemacht hat. Diese Jungs sind so heiß darauf zu trainieren, dass ich jedes Konditionsprogramm mit ihnen durchziehen kann.“

Torhüter Oliver Kahn hat die Leidenschaft der Südkoreaner schon erlebt. Bei der bisher einzigen Begegnung beider Länder in der Vorrunde der WM 1994 in den USA saß Kahn auf der Bank. In der Mittagssonne von Dallas bei 50 Grad standen sich die Teams gegenüber. Wenn Kahn hätte spielen müssen, hat er erzählt, wäre er zu Berti Vogts gegangen und hätte gesagt: „Heute kann ich nicht.“ Nach 37 Minuten führten die Deutschen 3:0, nach etwas mehr als einer Stunde aber hieß es nur noch 3:2. „Die sind gelaufen wie aufgezogen“, sagt Oliver Kahn. So wird es am Dienstag wieder sein. Kahn rief gestern seinen Mitspielern zu: „Wir müssen wahrscheinlich eine übermenschliche Leistung bringen, um ins Finale zu kommen.“

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