Sport : Die Herrscher des Sports

Warum dominieren Athleten wie Lance Armstrong ihre Disziplin? Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche: sich selbst

Friedhard Teuffel

Berlin - So weit hat es Lance Armstrong gebracht, dass die Franzosen von der „Tour de Lance“ sprechen und es im Grunde gar nicht mehr um Armstrong gegen Ullrich geht, sondern nur noch um Armstrong gegen den Rest der Welt. Der Amerikaner herrscht über den Radsport, und Frankreich ist jedes Jahr für drei Wochen sein Reich. Am Sonntag beendet er die letzte Tour seines Lebens, wahrscheinlich mit der selben Dominanz wie in den vergangenen Jahren.

Armstrong ist nicht mehr mit seinen Kollegen aus dem Radsport zu vergleichen, er ist ihnen längst entrückt. Mit seinen Siegen bei der Tour de France steht er in einer Reihe mit anderen Spitzensportlern, die ihre Disziplin über längere Zeit scheinbar nach Belieben bestimmt haben, also mit Steffi Graf etwa, Sergej Bubka, Michael Schumacher, Georg Hackl, Birgit Fischer, Carl Lewis oder Edwin Moses. Ist ihr sportlicher Erfolg einzigartig? Oder bestätigt eine Regel ihre Ausnahmeleistungen?

Zu seinem opulenten Erfolg ist Armstrong jedenfalls gekommen, obwohl die Trainingswissenschaft inzwischen keine exklusiven Geheimnisse mehr hervorbringt und sich wohl alle Fahrer nach dem gleichen Schema auf den Wettbewerb vorbereiten. Die besten Teams haben einen nahezu einheitlich hohen Standard an Professionalität. Armstrong ragt jedoch aus der Gruppe der Ehrgeizigsten heraus, weil er wie besessen ist vom Erfolg. Mit seiner Bereitschaft, sich zu quälen, gleicht Armstrong einem Extremsportler. Die Schmerzgrenze hat sich bei ihm wohl auch durch seine Krebserkrankung verschoben. Seitdem scheint er weniger empfindlich für die alltäglichen Widrigkeiten des Radsports. Diese Lebensgeschichte ist einzigartig.

Doch zu Armstrongs Erfolg haben noch andere Kriterien beigetragen. In seinem Team hat er eine vergleichbare Stellung wie Michael Schumacher in der Formel 1 bei Ferrari. Beide sind Angestellte und Führungskräfte zugleich, sie verbindet die Suche nach Perfektion, und beide verlangen von ihren Mitarbeitern größte Loyalität. Als Jonathan Vaughters etwa 1999 bei der Dauphiné Libéré den Etappensieg anstrebte, anstatt als Helfer bei seinem Kapitän Lance Armstrong zu bleiben, ließ ihn Armstrong feuern.

Der Amerikaner hat auch beste körperliche und technische Voraussetzungen. Er muss keine Schwäche mit einer Stärke ausgleichen wie zum Beispiel Steffi Graf. Sie verfügte über eine ausgezeichnete Vorhand, die Rückhand dagegen war nur Durchschnitt. Auf ihren schnellen Beinen konnte sie die Rückhand jedoch mühelos umlaufen. Im Gegensatz zu Armstrong hat es Graf aber geschafft, das ganze Jahr über Höchstleistungen zu bringen, von der ersten Runde bis zum Finale, in der Halle und im Freien, auf Sand und auf Rasen.

Lance Armstrong hat sich in den vergangenen Jahren immer auf das Wesentliche seiner Sportart konzentriert: die Tour de France. Andere Sportler wie Edwin Moses, der dreifache Olympiasieger über 400 Meter Hürden, mussten sich dafür Kritik gefallen lassen. Er gehe seinen Konkurrenten aus dem Weg, musste er sich anhören. Moses entgegnete: „Ich glaube, sie meiden mich, weil sie gegen mich nicht siegen können.“

Hinter vorgehaltener Hand wurde Armstrongs Erfolg schon mit der Einnahme verbotener Substanzen erklärt. Es ist bisher bei Gerüchten geblieben. Die Erinnerung an die Leistungen einiger Sporthelden hat allerdings schon Kratzer bekommen. Vom neunmaligen Olympiasieger Carl Lewis tauchte 15 Jahre später eine positive Probe auf Aufputschmittel auf, die er 1988 abgegeben hatte.

Seine Dominanz hat sich Armstrong einerseits erarbeitet, andererseits ist sie ihm zugefallen. Für die Kanufahrerin Birgit Fischer interessierten sich die Medien erst, seit sie die erfolgreichste deutsche Olympionikin ist. Armstrong dagegen steht schon lange im Mittelpunkt, und er nutzt diese Aufmerksamkeit. Er inszeniert sich, er sendet über die Kameras seine Botschaften, er spielt manchmal Müdigkeit vor, wenn er noch Reserven hat.

In diesen Tagen wirkt Armstrong in der Tat übergroß. Doch im Vergleich mit den anderen Herrschern des Sports ist auch seine Leistung menschlich.

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