Sport : Die höchste Hürde heißt Respekt

Kirsten Bolm will Europameisterin werden

Frank Bachner[Ulm]

Es lief nicht ganz rund auf den letzten Metern. Kurz vor der Ziellinie fehlte der Rhythmus. „Ich bin an der letzten Hürde ins Straucheln geraten“, sagte Kirsten Bolm. Sie lief 12,84 Sekunden, nicht ganz die Zeit, die sie sich vorgestellt hatte. Aber ihr fehlte die Konkurrenz, die sie forderte. Sie gewann gestern in Ulm den Endlauf über 100 Meter Hürden mit fast einer Sekunde Vorsprung, und „nur gegen die Zeit zu laufen, ist eigentlich nicht mein Ding“. Es war also ein Pflichtauftritt der Kirsten Bolm. Der fünfte Finalsieg bei deutschen Leichtathletik- Meisterschaften war normal. „Alles andere wäre auch etwas peinlich gewesen“, sagt die 31-Jährige.

Sie spielt eigentlich in einer anderen Liga. Kirsten Bolm aus Mannheim hat eine Bestzeit von 12,59 Sekunden, sie ist WM-Vierte von 2005, sie hat jetzt viele Neider. Es gibt feine Signale im Machtsystem der Weltspitze, Hinweise darauf, dass sich jemand etabliert hat. Rüdiger Harksen, ihr Trainer, sagt zum Beispiel: „Ihr nimmt bei internationalen Rennen keiner mehr die Hürden weg.“ Die Sache mit den Hürden ist ein Symbol der Hierarchie. Auf dem Nebenplatz, wo sich die Athletinnen vor den Rennen warmlaufen, ist der Raum begrenzt. Und es gibt nur relativ wenige Hürden. Also zieht der Trainer einer Weltklasseathletin schlicht eine fehlende Hürde von einer Nebenbahn auf seine Laufspur. Jedenfalls dann, wenn diese Hürde bisher von einer zweitklassigen Athletin benutzt wurde.

Kirsten Bolm aus Mannheim, angehende Psychologin, hat vor kurzem in Athen gewonnen, mit 12,69 Sekunden. Sie ist am vergangenen Dienstag in Lausanne 12,65 Sekunden gelaufen. Das bedeutete Platz vier, aber sie war „superglücklich“. Sie hätte schon deutschen Rekord laufen müssen, um dieses Rennen zu gewinnen. Die Siegerin Michelle Perry (USA) rannte 12,43 Sekunden. „Und den deutschen Rekord habe ich nicht drauf“, sagt Bolm. Der deutsche Rekord stammt von Bettine Jahn aus dem damaligen Karl-Marx-Stadt, sie lief ihn 1983, zu Hochdopingzeiten der DDR. „An diesem Rekord orientieren wir uns erst gar nicht“, sagt auch Harksen.

Beiden geht es um die Europameisterschaft. In gut drei Wochen will Kirsten Bolm eine Medaille, wenn es geht eine goldene. In diesem Jahr ist nur eine Europäerin schneller gelaufen als sie, die Schwedin Susanna Kallur (12,52). Es ist auch eine Frage des Selbstbewusstseins. „Ich gehe jetzt nicht mehr so nervös in ein Rennen wie früher“, sagt Bolm. Die Konkuurenz ist inzwischen auf sie aufmerksam geworden. „Ein paar sind nicht so erfreut über die neue Konkurrentin“, sagt Bolm. In Lausanne haben ein paar ihrer Gegnerinnen sie nicht begrüßt, „obwohl wir uns kennen“. Sie empfindet das als albern. Aber Harksen weiß auch, „dass die jetzt enormen Respekt haben“.

In die Weltklasse stürmte Kirsten Bolm schon 2005, erst mit 12,59 Sekunden in London, dann mit Platz vier bei der WM. Aber niemand wusste, ob sie sich etablieren würde in der Spitze. Die Jamaikanerin Brigitte Foster-Hylton, in Lausanne Dritte mit 12,49 Sekunden, sagte damals, sie müsse „erst mal ermitteln, wer das war“, diese Bolm aus Germany. Sie dürfte dann ganz schnell auf die Leidengeschichte der Kirsten Bolm gestoßen sein. Vier Jahre verletzt, angeschlagen, mit Spritzen fit gemacht, Rückenschmerzen, Operationen. „Ich war vier Jahre lang ja nur ein Patient“, sagt sie. Und dann der Muskelfaserriss im Oberschenkel im Halbfinale der Olympischen Spielen 2004. Sie wollte aufhören, sie war ausgebrannt, psychisch, physisch. Aber sie ließ sich überreden, und sie blieb verletzungsfrei. „Ich konnte ungestört trainieren, das war entscheidend“, sagt sie. Und sie hat ihre Rolle angenommen, sie ist jetzt eine Weltklasseathletin. „Sie kann sehr gut und sehr schnell Menschen einschätzen“, sagt Harksen.

Aber nicht alle Topleute im Hürdensprint sind klassische Machtmenschen. Nachdem Kirsten Bolm in Athen gestürzt war, kümmerte sich die spätere Olympiasiegerin Joanna Hayes (USA) spontan um sie. Beim WM-Finale 2005 stürzte Hayes und schrie vor Schmerzen. Nun kümmerte sich Bolm um die Konkurrentin. Sie wäre, sagt die Deutsche, nicht für jede zurückgegangen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben