Sport : Die Jagd nach dem Superlativ

NAME

Von Stefan Hermanns

Seogwipo. Die Insel Jeju im Pazifischen Ozean liegt weit weg von Deutschland. Und das exquisite Hotel Paradise im Süden der Insel sogar noch ein bisschen weiter. Seit knapp anderthalb Wochen wohnt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Paradies, gut abgeschirmt von der Außenwelt. Vielleicht ist es ganz gut, dass die Spieler in der Abgeschiedenheit das Ausmaß der Euphorie in der Heimat nicht in vollem Umfang mitbekommen. Die „Bild“-Zeitung hat das Viertelfinale der Deutschen gegen die USA (heute, 13.30 Uhr, live im ZDF) schon wieder zum wichtigsten Spiel des Jahres geadelt, und wie viele wichtigste Spiele des Jahres es in den letzten Wochen gegeben hat, kann inzwischen kaum noch jemand sagen. Bereits vor dem Achtelfinale hat Teamchef Rudi Völler die Jagd der Medien nach dem Superlativ persifliert: „Erst war das Spiel gegen Saudi-Arabien das wichtigste, dann das gegen Irland, und jetzt ist es das gegen Paraguay.“

Es gibt keine unwichtigen Spiele mehr, könnte man daraus folgern. Aber zumindest für Völler ist der Titel „wichtigstes Spiel“ bereits dauerhaft vergeben. „Das wichtigste war sicherlich das Spiel gegen die Ukraine.“ Sieben Monate sind seither vergangen, und in diesen sieben Monaten hat sich mehr verändert, als viele erwartet hatten. Im November 2001 waren die Fußballfans deutscher Nation noch von der Angst geplagt, dass ihre Mannschaft erstmals die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft verpassen könnte; jetzt, im Juni 2002, bietet sich den deutschen Fußballern die Chance, zum neunten Mal ein WM-Halbfinale zu erreichen. Aber sind wir wirklich schon wieder so gut?

Die Frage lässt sich nur schwer beantworten. Es gibt einige Fakten, die diese These stützen. Deutschland hat das Viertelfinale erreicht; Frankreich, Portugal, Argentinien und Italien haben das nicht. In keinem ihrer vier WM-Spiele standen die Deutschen wirklich am Rande einer Niederlage. Insgesamt haben sie zwölf Tore geschossen und nur eins kassiert – das ist eine überragende Bilanz. Doch haben die Deutschen nicht wieder unverschämtes Glück gehabt mit ihrer Auslosung? Wie sähe die Bilanz denn aus ohne die acht Tore gegen Saudi-Arabien? Und wann – außer in dieser Begegnung und in der zweiten Halbzeit gegen Kamerun – hat die Mannschaft wirklich gut gespielt?

Bundestrainer Michael Skibbe können solche Zweifel in seinem Optimismus nicht erschüttern. „Wir haben ein exzellentes Team“, sagt er. Und im Interview mit „Spiegel-Online“ hat er sogar behauptet: „Unsere zweite Halbzeit gegen Kamerun war taktisch das Beste, was bisher eine Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft gespielt hat.“ Wäre Skibbe Vorsitzender der PDS in Bayern, würde er allerdings auch davon reden, dass er bei der nächsten Landtagswahl die absolute Mehrheit gewinnen wolle.

Rudi Völler hingegen ist Realist genug, um zu wissen, „dass wir natürlich auch irgendwo unsere Grenzen haben“. Manche sagen, mit dem Erreichen des Viertelfinales seien diese Grenzen bereits überschritten. Wie stark der aktuelle Jahrgang wirklich ist, wird vermutlich auch die Begegnung gegen die USA nicht zeigen – egal, wie sie ausgeht. Gewinnen die Deutschen, wird es heißen: Na ja, gegen die USA. Bei einer Niederlage aber würde die Öffentlichkeit vieles, was in den letzten Wochen erstaunlich gut gelang, doch wieder gewohnt negativ sehen.

Selbst im Vergleich mit den anderen Viertelfinalteilnehmern ist die Leistungsfähigkeit der deutschen Mannschaft nur schwer zu bestimmen. „Bei Brasilien und England, da ist vielleicht im Moment noch ein bisschen mehr drin“, sagt Rudi Völler. Aber bei den anderen? Dass die Deutschen es bisher nicht geschafft haben, ihre ernst zu nehmenden Gegner 90 Minuten unter Druck zu setzen, ist für den Teamchef jedenfalls nichts Ungewöhnliches: „Das können selbst die Koreaner nicht.“ Die Deutschen haben ihre eigenen Stärken, für Völler sind das „ Zusammenhalt, Teamgeist und Organisation“. Das sieht auf dem Platz nicht so spektakulär aus wie die Spielweise der Brasilianer, aber die Deutschen haben ein System entwickelt, das die Kontrolle des Gegners mit hoher Effizienz verbindet: Andere Mannschaften laufen für den Sieg, bei den Deutschen ist es wichtig, „dass wir gut stehen, kompakt stehen“. Dazu passt auch, wenn Völler sagt, gegen die Amerikaner „muss es unser Hauptziel sein, sie zu Fehlern zu zwingen“. Dass die Deutschen sich inzwischen stark genug fühlen, das zu schaffen, hat natürlich etwas mit dem erfreulichen Verlauf des Turniers zu tun. „Wir merken auf einmal, welche Chance wir in der Hand haben“, sagt Rudi Völler. „Es wäre fatal, die wegzuwerfen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben