Sport : Die Jugoslawien-Politik beeinflusst die Titelkämpfe in Eindhoven

Karin Sturm

Als vor 30 Jahren US-Amerikaner und Chinesen sich erstmals Tischtennisbälle zuschlugen, trug dieses Sportereignis dazu bei, dass das politische Eis zwischen beiden Staaten langsam aufbrach. Das Wort von der "Pingpong-Diplomatie" machte die Runde. Später half der Zelluloid-Ball der Völkerverständigung noch einmal auf die Sprünge: 1991 bei der Tischtennis-WM im japanischen Chiba traten Nord- und Südkorea erstmals mit einem gemeinsamen Team an.

Auch die derzeit in Eindhoven stattfindenden Tischtennis-Weltmeisterschaft wird von der Politik beeinflusst. Die Titelkämpfe waren ursprünglich im April in Belgrad geplant. Lange hielt der internationale Tischtennisverband ITTF an diesem Austragungsort fest - sogar noch, als die NATO bereits militärisches Eingreifen androhte. Erst als immer mehr nationale Verbände, darunter der Deutsche Tischtennis-Bund DTTB, auf eine Teilnahme verzichten wollten, entschloss sich die ITTF doch zum Handeln und entzog Belgrad - kurz vor Ausbruch des Kosovo-Krieges - die Meisterschaft. Eindhoven bot sich als Ersatz an, jedoch wegen der kurzen Vorbereitungszeit nur für die Einzeltitelkämpfe. Die Mannschafts-WM wird nun im Februar 2000 in Malaysia ausgetragen.

Innerhalb von vier Monaten mussten die Organisatoren ein Turnier mit 650 Teilnehmern auf die Beine stellen. "Jetzt bloß keine Politik mehr", hofften sie. Doch es kam anders. Das Thema Jugoslawien lässt die 45. Tischtennis-WM nicht los. Die Niederlande halten sich an den von der EU beschlossenen Sport-Boykott gegen Jugoslawien, weshalb die komplette jugoslawische Delegation keine Einreise-Visa bekam. Allerdings wurde eine Sonderregelung für serbische Spieler getroffen, die sich schon seit längerem in einem Staat aufhalten, für den das Schengen-Abkommen gilt. Das führt zu der kuriosen Situation, dass Ilija Lupulescu, der schon seit Beginn der Jugoslawien-Krise in seinem Heimatland weilte, ausgeschlossen ist, während andere wie Slobodan Grujic spielen dürfen.

Auch einer der Titelfavoriten von Eindhoven ist vom Geschehen auf der politischen Bühne betroffen. Wladimir Samsunow, der weißrussische Spieler von Borussia Düsseldorf, hat eine serbische Freundin, die er nicht davon überzeugen konnte, ihre Familie in Belgrad für längere Zeit zu verlassen. Freunde von Samsunow, wie der englische Spitzenspieler Matthew Syed, beobachteten bei Samsunow in der Zeit der NATO-Drohungen und Kriegsaktionen deutliche Leistungseinbrüche. Die Betroffenheit des 23-Jährigen zeigte sich in einem dramatischen Friedensappell, den er nach einem Vereinsspiel via Fernsehen in die Welt schickte. Normalerweise gilt Samsunow als zurückhaltend und karriereorientiert - schließlich kam er schon mit 16 Jahren alleine nach Deutschland, um in die Weltklasse des Tischtennissports vorzustoßen. Heute, so erzählt er zumindest im Freundeskreis, habe sich durch diese persönlichen Erfahrungen vieles verändert. Er wisse jetzt mehr denn je, dass "Tischtennis nicht alles im Leben ist."

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