Sport : "Die Jungen fliegen plötzlich an dir vorbei" (Interview)

Wie schwer ist Ihnen der Rücktritt gefallen?

Dieter Thoma (30) zählte trotz vieler Verletzungen 14 Jahre lang zur Weltspitze im Skispringen. Er wurde in Laufe seiner Karriere Olympiasieger, Skiflug-Weltmeister und gewann 1990 auch die Vierschanzentournee. Zukünftig wird der Familienvater aus Hinterzarten als Fernsehkommentator gemeinsam mit Günter Jauch von seiner Sportart berichten. Mit Thoma sprach Andreas Kötter.

Wie schwer ist Ihnen der Rücktritt gefallen?

Anfangs ging es eigentlich. Da sagt man sich dann: Jetzt brauche ich nicht mehr zu trainieren, jetzt kann ich mal essen, was ich will, jetzt kann ich mal ausruhen. Als dann aber die anderen im Sommer zu den ersten Lehrgängen gefahren sind, da ist es mir doch sehr schwer gefallen, zu Hause zu bleiben. Skispringen war schließlich 14 Jahre lang mein Ein und Alles, das kann man nicht so einfach abhaken. Aber da muß ich jetzt durch, und ich bin RTL dankbar dafür, dass man mir die Chance gibt, als Moderator und Experte dem Sport, der mein Leben war, treu blieben zu können.

Ohne Ihre Verletzung hätten Sie wohl noch weitergemacht?

Sicher, aber ich habe mittlerweile acht Knieoperationen hinter mir, habe einen Knorpelschaden in der Hauptbelastungszone. Da sagt man dann irgendwann: Das Knie wird davon nicht besser. Und man fragt sich, wie das noch weitergehen soll. Die Jungen wie Martin Schmitt aber haben diese Sorgen nicht und fliegen plötzlich an dir vorbei. Die zweite oder gar dritte Geige aber wollte ich nun auch nicht spielen.

Gibt es etwas, dass Sie bereuen, dass Sie glauben, verpasst zu haben?

Ich bereue nichts, aber ich hätte nur allzu gerne noch einmal an den Olympischen Spielen teilgenommen; das wären dann meine fünften gewesen. Und ich hatte mir eigentlich immer gewünscht, ins nächste Jahrtausend springen zu können.

Befürchten Sie nicht, dass es Ihnen am 1. 1. 2000, wenn die ehemaligen Kollegen wieder zu Tal fliegen, ganz besonders in den Füßen juckt?

Das kann natürlich passieren, dass der Schmerz, nicht mehr als Aktiver dabei sein zu können, anfangs noch größer ist, als wenn ich einfach zu Hause geblieben wäre und ganz mit dem Sport gebrochen hätte. Neulich beim Weltcup ist ein Kanadier zu mir gekommen und hat mich mit sehr großen Augen angesehen. Ja springst du denn nicht?, hat er mich gefragt, als er mich ohne Ausrüstung gesehen hat. Das sind dann solche Momente, die sehr weh tun. Wie gesagt, da muss ich nun durch, früher oder später. Andere schaffen das schließlich auch. Nur war es bei mir eben so, dass ich mich nicht richtig auf diesen Abschied vorbereiten konnte, wie das zum Beispiel dem Jens Weißflog möglich war, der seinen Ausstieg genau geplant hat. Ich habe mich mit vielen Ex-Sportlern unterhalten, und alle haben mir prophezeit, dass es ganz einfach seine Zeit braucht, bis man sich an das "normale" Leben gewöhnt hat.

Blicken wir in die Zukunft. Wie genau wird Ihre neue Aufgabe bei RTL aussehen?

Ich hatte auch Angebote von anderen Sendern, die ich deshalb nicht angenommen habe, weil ich dort in festgefahrene Strukturen gekommen wäre. Bei RTL hat mir gefallen, dass man mich nach meinen Ideen gefragt hat und ich so mein Wissen einbringen konnte. Ich sage das nicht, weil ich nun bei RTL bin: Man bemüht sich dort wirklich, dem Sport gerecht zu werden und eine Fülle von Informationen anzubieten. Und was ist gegen ein Plus an Information einzuwenden? Ich werde also als Experte an der Seite von Günther Jauch die Sprünge meiner ehemaligen Kollegen analysieren. Wir stellen uns das so vor, wie es RTL auch bei der Formel Eins macht, wo Niki Lauda als Experte im Studio sitzt.

Oder so wie bis vor einiger Zeit bei der Champions League, als Franz Beckenbauer und Günther Jauch sich als Fußballexperten-Duo die Bälle zuspielten?

Das wäre natürlich toll, wenn wir uns ähnlich in Szene setzen könnten. Aber das muss man erst mal abwarten, weil Günther Jauch und ich uns noch nicht so gut kennen.

Skispringen war 14 Jahre lang Ihre Welt, haben Sie keine Bedenken, dass RTL diese Welt nun zum Zirkus verkommen lassen könnte?

Natürlich hatte ich erst Bedenken, aber alles, was ich bis jetzt gesehen habe, deutet darauf hin, dass RTL mit ganz viel Liebe zu "meinem" Sport an die Sache herangeht. Und genau das war für mich natürlich ganz, ganz wichtig.

Sie gelten als jemand, der stets seine Meinung gesagt hat. Darf man darauf hoffen, dass Sie dies auch als Moderator tun und die Dinge nicht schön reden werden?

Ich werde versuchen, so objektiv wie möglich zu analysieren, und ich werde schlechte Sprünge und Leistungen auf gar keinen Fall schönreden. Natürlich will ich mich aber auch nicht als Oberguru aufspielen. Ich möchte vielmehr versuchen, den Leuten meine Sportart nahezubringen und so dafür auch etwas zu tun. Mir ist zum Beispiel wichtig, dass die Zuschauer verstehen, warum der Martin Schmitt gerade zu diesem Zeitpunkt seine Ski wechselt. Natürlich will ich andererseits aber auch nicht mit zu vielen technischen Details nerven; da muss ich dann die Balance finden.

Es scheint so, als sollten nun die Jungen wie Martin Schmitt und Sven Hannawald ernten, was Sie oder Jens Weisflog gesät haben. Kommt da Wehmut oder gar Neid auf?

Nein, Neid kommt nicht auf. Aber natürlich denke ich das ein oder andere Mal: Man hat halt jahrelang dafür gekämpft, dass die Zustände so werden, wie sie jetzt sind, wirklich profitiert hat man davon aber nicht. Schließlich habe ich hart dafür gearbeitet, dass die Skispringer im Bewusstsein der Öffentlichkeit deutlicher wahrgenommen und ihre Leistungen besser honoriert werden. Aber jetzt sehe ich wirklich in die Zukunft; man muss ganz einfach in die Zukunft schauen und das Positive aus der Vergangenheit ziehen.

Zu Beginn des Gesprächs haben Sie betont, dass Sie nur allzu gerne ins nächste Jahrtausend gesprungen wären. Kommt das?

Ja das stimmt, diesen Wunsch will ich mir erfüllen, beziehungsweise diesen Wunsch wird RTL mir erfüllen, das für die gesamte Logistik sorgen wird. Allerdings werde ich nur bei guten Wetterbedingungen springen. Für den Fall, dass das Wetter nicht mitspielt, steht ein Ersatzmann bereit. Natürlich steht auch dem frei, sich zu weigern. Ich bin aber guter Hoffnung. Auch weil ich in St. Moritz sieben Sprünge gemacht habe, die in Ordnung waren. Schließlich will ich bei meinem Millenniumssprung nicht nur so die Piste runter daddeln, sondern einen schönen Flug in nächste Jahrtausend hinlegen.

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