Sport : "Die Jungs lassen mich nicht einrosten"



TAGESSPIEGEL: Sie haben sich in den letzten Monaten einen genauen Einblick in die deutsche Nachwuchsszene verschafft.Wie ist Ihr Eindruck von der Tennis-Generation, die nun heranwächst?

BECKER: Die Jungs sind mit Feuereifer und großem Ehrgeiz bei der Sache.Ich glaube, auch sie profitieren indirekt von der neuen Aufbruchstimmung, die ins deutsche Tennis zurückgekehrt ist.

TAGESSPIEGEL: Es gab allerdings auch immer Stimmen, Ihr Junior-Team sei eine Art Konkurrenzveranstalung zum Deutschen Tennis Bund.Auch hier in Berlin veranstalten Sie quasi parallel zu den German Open der Damen ein Sichtungsturnier.

BECKER: Ach, das ist doch alles nur von außen hereingetragen worden.Der DTB hat doch frühzeitig klargestellt, daß der Verband froh darüber ist, wenn sich renommierte Firmen wie Mercedes-Benz zusätzlich engagieren, um den Tennissport in Deutschland zu fördern.Durch diese Initiative nimmt niemand Schaden, auch der Verband nicht, der seine Mittel für weitere Projekte frei hat.

TAGESSPIEGEL: Die Spieler kommen ja ohnehin aus den Landesverbänden des DTB.

BECKER: Natürlich springen diese Talente nicht von irgendeinem Baum herab, sondern kommen in der Regel aus den Landeskadern des DTB.Insoweit sind wir alle eine große Familie und keine feindlichen Lager.Wir bemühen uns doch überall um Kooperation und eine engere Verzahnung aller Aktivitäten, das gilt für den Seniorenbereichgenauso wie für den Jugendbereich.Wir wollen dafür sorgen, daß die Bundestrainer, die Landestrainer und die Regionaltrainer sehr eng zusammenarbeiten.

TAGESSPIEGEL: Finden Sie denn Zustimmung mit Ihren Plänen?

BECKER: Ein Boris Becker hat doch letztlich das gleiche Ziel wie jeder andere Stützpunkttrainer auch: Spieler hervorzubringen, die das deutsche Tennis bereichern, die irgendwann vielleicht einmal ins Daviscup-Team rutschen und für uns den Pott holen können.Es gibt also keine wirklichen Interessensgegensätze - und das habe ich auch den verschiedensten Gremien des DTB deutlich gesagt

TAGESSPIEGEL: Mit Nicolas Kiefer gehört der erste Spieler aus dem Junior Team bereits geraume Zeit zur Daviscup-Truppe.

BECKER: Das ist ein gemeinsamer Erfolg für den Verband und unsere Talentschmiede.Kiefer ist das klassische Beispiel für unsere Vorstellungen: Er hat jahrelang eine behutsame und fachkundige Aufbauarbeit beim DTB genossen und konnte sich dann noch einmal im Junior Team weiterentwickeln.Bis zu einem Punkt, wo er sogar die neue deutsche Nummer eins war.Es freut mich, daß er jetzt auch einen ersten kleineren Durchhänger aus dem letzten Jahr überwunden hat und wieder nach oben steigt.

TAGESSPIEGEL: Wenn ein Spieler aus dem Team sich so stark in der Rangliste aufwärts bewegt, ist es allerdings mit der Förderung vorbei.

BECKER: Das ist völlig normal.Denn jemand, der dann zu den 20 oder 30 besten Spielern der Welt gehört, muß auf eigenen Beinen stehen.Und jenen im Nachwuchsbereich Platz machen, die noch der Förderung und des spielerischen Feinschliffs bedürfen.

TAGESSPIEGEL: Jugendspieler aus dem Becker-Stall sehen sich einem großen Erwartungsdruck gegenüber.Wie federn Sie das ab?

BECKER: Einerseits versuchen wir die Jungs, soweit möglich, aus den Schlagzeilen herauszuhalten und sie in Ruhe arbeiten zu lassen.Andererseits haben sich die meisten ja schon mit beachtlicher Nervenstärke zu einem gewissen Niveau emporgekämpft.Um dahinzu kommen, wo sie sind, mußten sie sich gegen viele Hundert oder sogar Tausend Mitbewerber durchsetzen.Ein gewisser Druck gehört also zum Geschäft, und den wollen wir auch gar nicht wegnehmen.Den müssen die jungen Spieler eben aushalten.

TAGESSPIEGEL: Sie trainieren nicht nur sehr viel mit den Jugendlichen, Sie reden auch mit Ihnen über die Erfahrungen im Profitennis.

BECKER: Das ist ja auch der logischste Schritt, daß ein Spitzenspieler all das weitergibt, was er in seiner Karriere erlebt und durchlitten hat.Ich kann Ihnen sagen, wie esim Toptennis aussieht, wie man sich in bestimmten Situationen verhält, welche Schläge man spielt und welche nicht.Ich kann mit ihnen überdie Aufs und Abs in einer Karrierereden, über die Chancen und Risiken.Also: Bisher ist mir der Gesprächsstoff noch nicht ausgegangen.

TAGESSPIEGEL: Sie haben kürzlich gesagt: Diese Arbeit mit den Kids wird mich junghalten.

BECKER: Dieses Training mit den Burschen ist schon eine gewaltige Freude.Da die jungen Leute natürlich dem Herrn Becker auch immer gern mit aller Macht zeigen wollen, was sie können, werde ich auch hart gefordert.Ich habe schon oft mit einigen Spielern in Florida zwei Wochen lang trainiert, danach war ich so fit wie lange nicht mehr.Die Jungs lassen mich auch nach meiner aktiven Karriere nicht einrosten.

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