Sport : Die kalten Füße des Weltmeisters

Klitschkos Trainer Sdunek behauptet: „Lewis kneift“

Michael Rosentritt

Die Sonne versank feuerrot im Atlantik, als Witali Klitschko die unerfreuliche Nachricht hörte. Lennox Lewis, der Schwergewichtsweltmeister aus England will nicht gegen ihn, sondern lieber gegen Mike Tyson boxen. Demnach wird der für den April eigentlich fest geplante WM-Kampf zwischen dem WBC-Weltmeister und den ukrainischen Herausforderer nicht stattfinden. Klitschko, der sich seit Tagen auf diesen Kampf auf Gran Canaria vorbereitet, reagierte irritiert. „Ich bin enttäuscht von ihm, denn wir haben alles unternommen, um diesen Kampf zu ermöglichen“, sagte Klitschko.

„Witali ist total bedrückt, wie auch ich, weil die Chance doch so nah war“, sagte Trainer Fritz Sdunek dem Tagesspiegel. „Als die Nachricht uns gestern Abend hier erreichte, habe ich sofort gedacht: Lennox kneift. Und dabei bleibe ich.“

Sdunek bezieht seine Meinung aus einem Kampf vor wenigen Wochen. In Atlantic City hatte Chris Byrd seinen amerikanischen Landsmann und ehemaligen Weltmeister Evander Holyfield nach allen Regeln der Kunst ausgeboxt und sich den vakanten IBF-Titel im Schwergewicht erkämpft. Am Ring saß Lewis und kam wohl zu neuen Schlüssen, was die tatsächlichen Qualitäten der Klitschkos anbelangt. Vor knapp zwei Jahren noch, als Witali Klitschko sich verletzungsbedingt Chris Byrd hatte beugen müssen, hatte Lennox Lewis getönt: „Her mit den Klitschkos. Den einen vernasche ich zum Frühstück, den anderen zum Mittag.“ Was der Brite dabei übersehen hatte: Witali Klitschko war neun Runden lang Chef im Ring, ehe er wegen einer Schulterverletzung aufgeben musste. Sechs Monate später holte sich Witalis jüngerer Bruder Wladimir in Köln diesen Titel von Byrd zurück. „Dieser Kampf und Byrds Sieg über Holyfield haben Lennox die Augen geöffnet“, sagt Sdunek. „Ich kann mir schon vorstellen, dass Lewis kalte Füße bekommen hat.“

Lewis will nun am 21. Juni zum Rückkampf um den Schwergewichtstitel des Weltverbandes WBC gegen Mike Tyson antreten. Lewis wird bald 38 und muss rechnen. Gegen Tyson dürfte ihn eine höhere Gage bei weitaus geringerer Gegenwehr erwarten. Im ersten Kampf der beiden im Juni vorigen Jahres war Tyson in der achten Runde schwer k. o. gegangen.

Klitschkos Boxstall, die Universum Box-Promotion, beharrt auf Einhaltung der Verträge. „Lewis ist nach dem Reglement des World Boxing Council verpflichtet, als nächstes gegen Witali anzutreten. Wir werden nicht mehr warten“, sagte Universums Geschäftsführer Peter Hanraths. Der 31-jährige Klitschko ist die Nummer eins der WBC-Weltrangliste. Bei einer Absage käme der Titelverteidiger seiner Pflichtverteidigung nicht nach. Klitschkos Manager Klaus-Peter Kohl flog am Montagabend in die USA, um noch einmal mit Lewis’ Vertretern zu sprechen. Im Zweifel werde man rechtliche Schritte einleiten. „Das ist ein Vertragsbruch. Wir haben eindeutige Verträge mit Lewis. Es ging nur noch darum, ob der Kampf am 12. oder am 19. April stattfinden wird“, sagte Kohl.

Nach der dubiosen Absage, die bisher nur über Lewis’ Anwalt Judd Bernstein an die Öffentlichkeit gelangt ist, gibt es für Hanraths nur zwei Alternativen: „Entweder Lewis stellt sich doch noch – oder der Verband muss ihm den WM-Gürtel aberkennen.“

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